Zahnpasta ist schädlich für die Zähne (October 4 – 10)

September 30, 2007  
Themen: Gesundheit, Guatemala

Der Abschied von unserem Chaffeur war herzlich. Wir versprachen, bei Ankunft in Tejutla, wo der Naturmediziner Patrizio auf uns wartete, bei Gloria´s Familie anzurufen, damit sich niemand Sorgen macht.

Nun standen wir trampbereit in Mixco an einem guten Stück Strasse, doch erst mussten wir unsere Notdürfte verrichten. Dafür gab es keinen ungünstigeren Ort als diesen, jedenfalls für mich nicht. Nach langem Ziemen und Hin- und Herüberlegen war mir aber alles egal. Schließlich stellen sich die Männer auch an jeden Baum, da kann ich mich auch unglücklich hinter einen Baum hocken, auch wenn dabei mein Allerwertester für Sekunden einem Vorbeifahrendem präsentiert wird. Frauen müssen halt auch. Punkt.

Danach klappte es auch recht schnell mit einem Lift. Leider waren wir etwas langsam unterwegs, da scheinbar überall gleichzeitig defekte Strassenabschnitte erneuert wurden. Das führte teils zum totalen Stillstand. Unser Fahrer vertrieb uns die Zeit mit dem Verwöhnen von verschiedenen Süssigkeiten, die uns die Straßenverkäufer direkt vor die Autoscheibe hielten. Einige waren wirklich lecker, andere hingegen quietschsüss. Letztere habe ich Augustas zugeschoben, der sie ausgiebig genoss. Nach dieser langwierigen Mitfahrgelegenheit brauchten wir wieder eine ganze Weile, bis sich jemand unserer erbarmte. Der Tramperplatz war nicht der idealste, da er mitten in der Stadt lag und letztlich ständig Busse an uns vorbeifuhren. Irgendwann endeten wir am Ende einer Kleinstadt, an die sich aber ohne offensichtliche Unterbrechung weitere Dörfer anschlossen. Wir standen nun in einer Kurve, die wahrlich unglücklich für unser Weiterkommen war. Nach einer Stärkung und der nervtötenden Kommentare von zwei Jugendlichen auf der anderen Straßenseite gingen wir ein ganzes Stück weiter. Es tat sich nach geraumer Zeit ein annehmbarer Anhaltepunkt auf, doch das erste Auto, wenn auch nach langem Warten, lehnten wir lieber ab. Die Insassen waren reichlich betrunken und schienen etwas agressiv. Dann endlich hielt ein Herr für uns an, der uns bis nach San Marcos, einer Stadt nicht weit von Tejutla, mitnahm. Wir mussten also nur noch den Bus nehmen.

Die Fahrt nach Tejutla war steinig, holprig und von unkontrollierten Hin- und Herspringen auf unseren Sitzen geprägt. Die Straße, wenn man sie als solche bezeichnen kann, bestand aus reinem Sand und Geröll, unzähligen Löchern und ohne jegliche Beleuchtung. Im Stockdunkeln zogen wir also einen Berg hinauf, der zusätzlich kurvenreich war. Beachtlich erschien uns der Ausblick, der in der stockdunklen Gegend die Abendlichter all der Häuser freigab, die sich entlang der Berge zogen. Obwohl uns Rücken und Hintern bei dieser Fahrt gehörig zu schaffen machten, entschädigte diese Abendstimmung mit Blick über die Berge allemal.

In Tejutla am Gymnasium angekommen stiegen wir aus und wurden bereits von zwei jungen Burschen empfangen. Sie nahmen uns einen Teil des Gepäcks ab und nun stolperten wir zu Viert über die mit runden Steinen geplasterte Straße.

Wir traten in Patrizios Haus ein und wurden mit wahrlich offenen Armen und vor Freude springenden Herzen begrüßt. Es gab Tee und Essen, währenddessen wir uns einen kleinen Eindruck von Patrizio´s Familie und seinem Häuschen machen konnten.

Gleich hinter der Wohnungstür befand sich die Küche, in der auf dem mit Holz betriebenen Ofen so einiges vor sich hinköchelte. Es war herrlich warm im Haus. Die Küche war in zwei geteilt, so dass es auch einen Raum mit Tisch und sechs Stühlen gab. Beim Hinsetzen musste mächtig gerückt werden, damit auch jeder an seinen Platz kam. Die Tischgröße war bezüglich der Breite des Raumes nicht wirklich für diesen Ort bestimmt. Aber bei so vielen Kindern brauchte man wenigstens einen großen Tisch. Dahinter zwängte sich noch der Kühlschrank, in den man, sobald jemand in der Ecke saß, nicht mehr herankam. Um den Küchentisch gab es also immer Bewegung. Während eines der Kinder noch Hausaufgaben am Tisch erledigte, kamen andere mit ein paar Bastelarbeiten und wir sassen mit unserem Tee und gefüllten Tellern mitten drin. Es war etwas chaotisch in dem Haus, vor allem im Schlafzimmer. Es gab im Erdgeschoss neben der Küche nur zwei Räume. Einer war mit zwei Sofas ausgestattet und beherbergte eine Menge Bücher. Der zweite Raum war wenig größer. In diesem stand neben einem überdimensionalem Bett (gut zwei Ehebetten nebeneinander) eine Komode, auf dem ein Fernseher stationiert war. Hinter der Tür stappelten sich auf einem Sessel unzählige Sachen, während die Kommode bunt geschmückt mit verschiedenen Naturmedizinchen strahlte. Während unseres Aufenthaltes in Tejutla erfuhren wir, dass die halbe Familie darin schläft. In einem kleinen Nebenraum des Schlafzimmers befand sich das Bad. Dort war eine kleine Kabine mit einer Toilette. Wenige Zentimeter neben der Toilette befand sich die Dusche. Jedesmal wenn jemand eine Dusche nahm, endete das also damit, dass die Toilette komplett nass wurde. Das bereitete besonders Freude beim Hinsetzen. Meistens war das Toilettenpapier auch vollständig in Wasser getränkt. Im Keller lag eine weitere Matraze, die sich zwei Söhne miteinander teilten. Die beengten Verhältnisse in dem winzigen Haus sollten auch nur vorübergehend sein, bis ihr neues Haus in Tejutla erbaut worden ist. Einige der Kinder waren bereits älter und wohnten entweder in ihren eigenen vier Wänden in Tejutla oder waren in Guatemala City zurückgeblieben. Aus dem Keller führte eine Tür zum Garten heraus, in dem wir neben Zitronenbäumen auch einige Kräuteranpflanzungen und ein paar Hühner fanden. Die zwei Hunde, die den winzigen Hof bewachten, waren uns anfangs gar nicht freundlich gestimmt. Eigentlich argwöhnten sie uns durchweg, da wir uns einfach zu selten in dem Garten aufhielten. Hinter dem Gartenzaun eröffnete sich ein wunderschöner Blick über das Tal und den gegenüberliegenden Berg. Diese Aussicht ließ uns wahrlich aufatmen, besonders nach so vielen Wochen in Guatemala City.

Da für uns nun wahrlich kein Platz mehr im Haus war und Patrizio´s Familie noch dazu eine Katze hatte, wurden wir in einem der Räume untergebracht, in denen sonst Patienten, die von weit her kommen, die Nacht verbringen. Der Raum lag hinter Patrizios Praxis. Die Praxis lag ungefähr 100 Meter weit vom Haus entfernt. Unser Zimmer hatte kein Fenster, so dass, wenn wir die Tür schlossen, wir die Hand vor unseren Augen nicht mehr sehen konnten. Wir mussten uns also immer zum Bett vortasten, denn der Lichtschalter befand sich direkt neben der Tür, am anderen Ende des Raumes. Aufgrund der Dunkelheit in unserem Zimmer mussten wir uns den Wecker stellen, weil wir sonst wahrscheinlich nicht vor Mittag aus den Betten gekrochen wären. Wir hatten eine Dusche nebenan, die wir aber aufgrund des eiskalten Wassers, was sie uns anbot, nicht benutzten. Wir bevorzugten dagegen die Dusche in Patrizios Haus, die zwar auch manchmal kaltes Wasser hergab, aber bei vorherigem Aufheizen des Boilers mittels des Holzofens herrlich warme Bäder lieferte. Die Toilette funktionierte nur mit selbstgeschöpften Wasser, das wir aus dem im Hof gelegenem Becken entnahmen. Vor unserem Raum lag ein kleiner Hof auf dem auch ein uraltes Sofa stand. Davor standen zahlreiche Blumentöpfe, in denen verschiedene Kräuter gezüchtet wurden. Auf diesem alten, verrotteten Sofa verbrachten wir so einige Zeit. Leider handelte ich mir dabei Flöhe ein, die mich und in seltenen Fällen auch Augustas später fürchterlich in den Hintern zwackten.

Obwohl wir uns häufig zum Kochen anboten kamen wir nur selten zum Zug. Die Familie hatte meist schon etwas für uns hergezaubert, auf unseren Wunsch natürlich vegetarisch. Besonders die Morgen liebten wir, denn in Patrizios Haus lernten wir eine Art Haferflockengetränk kennen, dass mit Zimt und etwas Zucker versetzt heiß serviert wurde. Dazu gab es ein paar Kornflakes, die wir hineinmischen konnten, oder süsses Brot. Ich konnte nicht genug davon bekommen, so schmackhaft war es. Wir ha
ben uns das Rezept natürlich gleich abgeschaut. Traditionelle Gerichte, die für den Rest der Familie gekocht wurden, verwandelten die Köchinnen im Handumdrehen in vegetarische Delikatessen. Da waren wirklich Zauberkünste am Werk, so gut war das Resultat. Wenn wir schon nicht zum Kochen kamen, boten wir zumindest unsere Hilfe beim Abwaschen an. Das wurde viel zu oft abgelehnt, denn Gäste sollten wohl weniger Zeit an der Spüle verbringen, als der Abwasch einer so großen Familie erforderte. Doch ab und zu gaben wir unsere Spülkünste zum Besten, was die Familie, vor allem die mit Abwasch beauftragten Kinder, ausgesprochen freute.

Patrizio (71) hatten wir in Guatemala City kennengelernt. Er stammt ursprünglich aus den USA und hat als Zahnarzt ein wohlhabendes Leben geführt. Sein Erfolg in der Zahnmedizin baute auf die Zahnprobleme der heutigen Gesellschaft. Durch sein Wissen rund um die Zahnmedizin, das Entstehen von Zahnkrankheiten, den negative Einfluß von Zahnpasta und Zahnspülungen auf die Mundhygiene und die Verursachung von Schäden im ganzen Körper, wegen der verschiedensten Metalle und Materialien, die bei einer Zahnbehandlung zum Einsatz kommen, lehnte er sich irgendwann gegen diese aus purer Geldgier geborenen “Scheinwelt” auf. Er versuchte durchzusetzen, dass die Menschen über die Gefahren bei der Verwendung von Zahnpasta informiert werden. Da stieß er aber auf einen harten Stein, denn sollte der Verbraucher über die Risiken, die unsere chemisch zusammengewürfelten Zahnpasten enthalten, erfahren, würde die gesamte Industrie zusammenbrechen und die mittlerweile steinreichen Zahnpastagroßverdiener auf der Straße enden. Er kam damit nicht an die Öffentlichkeit, da die Zahn-Kommerze seine Bemühungen gekonnt unterdrückten.

Statt sich aber dieser Situation hinzugeben und einfach mit seiner Zahnarzttätigkeit weiterzumachen, entschied er sich gegen diese gesamte Branche und damit gegen den Kommerz und für die Gesundheit der Menschen. Dies geschah, indem er seine Praxis aufgab, sein Haus verkaufte und sich für wohltätige Zwecke auf die Reise nach Lateinamerika begab, um notdürftigen Menschen zu helfen. Seine Kinder in den USA nahmen ihm das sehr übel und brachen jeglichen Kontakt zu ihm ab. Selbst heute, nach 15 Jahren, hört er nichts von seinen Kindern. Das trifft ihn sehr, aber glücklicherweise hat er mittlerweile eine wunderbare Frau gefunden, mit der er sein Leben und seine Ansichten teilt.

Auf seiner Reise durch Lateinamerika ist Patrizio irgendwann in der Sparte der natürlichen Medizin gelandet. Er hatte zuvor schon viel darüber studiert, doch erst durch den Abstand zu seinem Heimatland wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit als praktizierender Arzt auf Basis von natürlichen Heilmitteln und -methoden. Auf dem Weg dorthin traf er auf seine jetztige Frau (aus Guatemala), die bereits Menschen mittels Kräutern und traditionellen Hausmittelchen heilte. Sie taten sich privat und beruflich zusammen und haben neben zwei gemeinsamen Kindern (5 und 7 Jahre alt) bereits seit einigen Jahren eine Naturheilpraxis. Zuerst lebten sie in Guatemala City, sind aber vor ungefähr einem halben Jahr nach Tejutla gezogen, da ihr gemeinsamer Sohn diesen innigen Wunsch hatte. Er wollte nicht in einer Großstadt aufwachsen, sondern seine Kindheit in der Natur verbringen. Das klang logisch und somit zog die ganze Familie auf seinen Wunsch hin um. Da Patrizio und seine Frau bereits zuvor, während ihrer Urlaubsaufenthalte in Tejutla, Menschen zu Gesundheit verholfen hatten, besassen sie bereits einen guten Kundenstamm. Oft passierte es auch, dass Menschen von sehr weit her kamen. Die Praxis war schließlich rund um die Uhr geöffnet, auch wenn die Tür ab und an verschlossen war, wussten die Patienten an seiner Haustür zu klopfen. In der Praxis gibt es einen separaten Raum, in dem alle getrockneten Kräuter aufbewahrt, zerkleinert und in vielen Fällen in Kapseln gefüllt werden. Das alles passiert in Handbetrieb. Hinzu kommen natürliche Heilmittel, die Patrizio aus anderen Ländern importiert. Dieses Zimmer war wirklich eine Fundgrube der Heilkräuterkunst.

Während unseres Aufenthaltes erklärte uns Patrizio noch einmal intensiv, unter anderem anhand von Bildern, wie der Mund und damit die Wurzeln unserer Zähne mit dem gesamten Körpersystem verbunden sind. Viele Probleme beginnen im Mund, ob bei falschen Reinigungsmitteln oder Füllungen, die das Gleichgewicht im Körper durcheinanderbringen, wenn nicht gar zerstören. Das führt dann häufig zu Krankheitsursachen, besonders Schmerzen im Körper, die nie wirklich geklärt werden können, da der Zusammenhang mit den Zähnen den meisten Ärzten gar nicht in den Sinn kommt. Zahnpasta und Zahnspülungen sind das Schlimmste, was jemand der Natur im Munde zufügen kann. Neben den vielen Chemikalien, mit denen unsere Zähne eingeschmiert werden, führt Mundwasser zur Zerstörung selbst gesunder, für die Zähne und Zahnfleisch notwendigen Bakterien. Das Resultat äußert sich dann häufig in Zahnfleischrückgang, oder auch Parodontitis, für die es keine Heilung, maximal eine Linderung gibt. Patrizio empfahl uns also bereits in Guatemala City, dass wir ab sofort nur noch Wasser, Kamillentee oder Magnesiummilch an unsere Zähne heranlassen sollten. Dies tat auch er seit Jahren und seine kleinen Kinder hatten bisher noch nie Zahnpasta für die Zahnreinigung verwendet. Dazu müssten wir unbedingt die weicheste aller Zahnbürsten verwenden, weil wir sonst beim Putzen unser Zahnfleisch verletzen und zerstören würden. Auf keinen Fall dürften wir Mundwasser verwenden, was wir sowieso nicht taten. Nach zwei Wochen mit der Magnesiummilch probierte ich eines Tages mal wieder Zahnpasta aus. Dabei hatte ich das Gefühl, dass es mir das Zahnfleisch wegäzt, denn mir brannte durch die Verwendung der Zahnpasta regelrecht der Mund. Ich blieb also bei Magnesiummilch, auf die Augustas auch irgendwann umstieg. Mittlerweile verwenden wir meist nur Wasser oder Kamillentee, denn wir fühlen, dass das genau das gleiche Ergebnis bringt. Am Ende kommt es schließlich auf die Putztechnik an. Obwohl ich während meiner dreimonatigen Arbeitszeit als Zahnarzthelferin bereits die Zahnputzmethode eines Zahnarztes erlernt hatte, fügte Patrizio noch eine weitere Technik hinzu.

Religion ist ein großes Thema in der Familie. Patrizio schwört auf den positiven Einfluß von Gott in seinem Leben. Nach seinen Aussagen hatte Gott ihn auf einen neuen Weg geführt, der ihm nicht nur ein Leben als Heilmediziner, sondern auch eine wundervolle Ehefrau, viele neue Kinder (die der Ehefrau aus vorheriger Ehe geblieben waren) und in seinem stolzen Alter gar noch zwei eigene, gemeinsame Kinder beschert hatte. Er versuchte uns einige Male zum katholischen Glauben zu bekehren, da wir sonst verloren wären und eine komplette Heilung unseres Körpers nie erreicht werden könnte. Der Katholizismus wäre die einzige Religion, die Heilung über uns bringen würde. Er hatte die Zusammenhänge zwischen natürlicher Medizin, Glauben und Gesundheit lange untersucht und erforscht und hatte mittlerweile ein Buch darüber geschrieben. Dieses versuchte er zum Zeitpunkt unseres Besuches in die Endversion zu setzen, damit er es veröffentlichen konnte. Wie es schien, gab es sogar schon einen Verleger dafür.

In Patrizios Familie wurde regelmäßig gebetet. Vor dem Essen wurde Gott für das Mahl gedankt und auch sonst war der Glaube ein ständiger Begleiter der Familienmitglieder. Patrizios Frau war neben ihrer Tätigkeit als Naturheilmedizinerin in der katholischen Gemeinde von Tejutla aktiv. In den Tagen unseres Besuches fand ein religiöses Fest statt, während dem einer der biblischen Figuren gehuldigt wurde. Dazu gab es verschiedene Veranstaltungen, Lesungen, Vorträge, Kinderfeste und auch Zusammenkünfte in der Kirche, in der gemeinsam gesungen wurde. Wir fühlten uns nicht wirklich zu einer Teilnahme bewegt, liefen aber zufällig an der Kirche vorbei, in der Patrizios Frau alle Anwesenden organisierte. Wir sahen, wie die Kirche innen wunderschön mit frischen Blumengestecken, Ba
llons, fruchtigen Festtafeln und Girlanden geschmückt war. Das war unter anderem das Werk von Patrizios Frau der letzten Woche. Es schien wirklich ein gelungenes Fest zu sein, während dem sich sogar die Jugendlichen freudig um die Kirche versammelten. Gerade in dem Moment, als wir die Kirche begutachteten, kam eine Schar von Kindern die Strasse entlang, die ihre religiösen Huldigungen mit Musik, Tänzen und Rufen ausdrückte. Es war ein wahres Stadtfest, in dass wir ohne es zu wollen auch mit hineingezogen wurden. Nachts gab es dann noch eine Menge Feuerwerk, dass den Himmel in den buntesten Farben erstrahlen ließ. Einzig die Aktion, das Feuerwerk um 5 Uhr morgens zu wiederholen, hinterließ gehörige Kopfschmerzen bei uns.

In Patrizios Familie hatte seine Frau das letzte Wort. Sie war es, die neben der Organisation der Kindern den Haushalt im Griff hatte und sich mit einer Nachbarin zusammen um das Essen für die Familie kümmerte. Daneben arbeitete sie in Patrizios Praxis, sorge sich um über Nacht dagebliebene Patienten und war mit der Züchtung und Weiterverarbeitung der Kräuter beschäftigt. Ohne sie hätte Patrizio häufig vergessen seine natürliche Medizin einzunehmen. Er schluckte täglich zwei Dutzend Kapseln, die aus irgendwelchen Heilpflanzen zusammengesetzt waren. Dazu erklärte er uns, dass er zuvor Jahrzehntelang Tabletten verordnet bekommen hatte, die er zum Weiterleben hatte einnehmen müssen. Irgendwann tat er den Schritt, ganz von den ihm verschriebenen Chemikalien loszulassen und sich einzig auf die Naturheilmittel zu verlassen. Ihm ging es zunehmend besser und solange er seine Medizin regelmäßig nahm, würde sein Körper ihm gut dienen. Wir fanden es zwar trotzdem enorm, welche Menge an Naturmittelchen er zu sich nahm, aber wir wussten schließlich nicht, was er bereits durchgestanden hatte. Allerdings fühlten wir, dass es wohl besser wäre die Nahrung entsprechend anzupassen, anstatt täglich tausende kleiner Pillen, wenn auch natürliche Heilkräuter, zu schlucken. Soviel hatten wir zumindest in Belize gelernt.

Patrizios Frau war sehr optimistisch in allen Angelegenheiten. Während Patrizio ab und zu in seine alten Sorgen über Finanzen zurückfiel, denn dies war während des größten Teiles seines Lebens die Frage Nummer Eins, dann meinte seine Frau nur schnippisch: “Was willst du eigentlich? Du brauchst dir um Finanzen nun wirklich keine Sorgen zu machen. Gott hat uns bisher nicht im Stich gelassen. Schließlich sind wir bis heute immer satt geworden, da kriegen wir dich auch noch mit durch.” Das brachte mich zum Schmunzeln und ließ Patrizio mit einem Lächeln wieder aufatmen.

Wir genossen die Tage in dem idyllischen Ort Tejutla. Wenn die Kleinsten der Kinder nicht in der Schule waren, unternahmen wir gemeinsam Ausflüge in die nahe Berglandschaft. Der siebenjährige Sohn Patrizios hatte immer sein Fahrrad mit und seine jüngere Schwester rannte mit Vorliebe hinter ihm her. Einmal führten sie uns gar bis zum Haus ihrer Großmutter, dass eingebettet in die Natur direkt an einem Abhang gebaut war. Die Großmutter wie auch ihre vereinzelten Nachbarn lebten im totalen Einklang mit der Natur. Jeder hatte einen winzigen Stall, in dem er seine Pferde unterbrachte. Die Hühner liefen neugierig durch die nahe Umgebung, einige hatten gar ein paar Schweine im Stall grunzen und eine Kuh. Gemüse wuchs im hauseigenen Garten und an jedem Haus fand sich ein immenser Stapel von Holz, dass vor allem die Frauen mit der Axt auf Brennholzgröße verarbeiteten.

Bei den meisten unserer Ausflüge mussten wir eine unschöne Stelle im Wald passieren, in dem der gesamte Abfall von Tejutla angesammelt war. Dieser wurde von den Einwohner einfach herbeigetragen und einen Abhang hinuntergekippt. Wir fragten uns, wie viele Jahre das schon so sei, denn der Müllberg war immens. Es war wie eine Skiabfahrtsbahn, die ungefähr 20 Meter in der Breite maß und vollgestopft mit Müll war. Der Abfall landete mittlerweile bereits im Fluß, was für die Gesundheit der Bewohner, der Tiere und natürlich für die Umwelt selbst von großem Nachteil war. Am Gipfel dieses Abfallberges tümmelten sich um die zwanzig Aasgeier und etliche Hunde, die mit ihren Nasen durch die Abfallsäcke stöberten.

Wir liebten auch die kleinen Streifzüge durch Tejutla. Dabei stießen wir einmal auf einen jungen Mann, der uns einfach so ansprach. Er rannte uns gar hinterher, denn als wir ihn zum ersten Mal sahen sprach er gerade mit einigen Leuten auf der Straße. Wir wunderten uns ein wenig, was er wollte, bis wir erfuhren, dass Angel aus den USA stammt und in Tejutla seine Zeit als Peace Corp Voluntär (Freiwilligendienst der USA) verbrachte. Angel half in der Stadtverwaltung als Entwicklungshelfer mit, wo er Projekte initiierte und die lokalen Menschen in verschiedenen Arbeitstechniken unterrichtete.

Angel lud uns für den Abend zu sich nach Hause ein. Dort trafen wir auf einen Peace Corp Freund von Angel, der gerade auf einen Besuch da war. Normalerweise verbrachte dieser Freund seine Zeit in Los Santos, einer Kleinstadt in den Bergen Guatemalas. Los Santos ist als Touristenziel bekannt, denn die Einwohner tragen nach wie vor alle ihre traditionelle Kleidung, selbst die Männer und Kinder. Er war ein ausgesprochen guter Gitarrenspieler, dessen Lieder wir bereits von der Straße aus hören konnten. Angel hatte sich selbst Gitarre spielen beigebracht und hatte vor ein paar Tagen sein erstes Lied komponiert. Jetzt sass er gerade mit seinem Freund an der Überarbeitung des Textes und der Anpassung der Melodie. Kurz nach unserer Ankunft gingen wir zu einer anderen Wohnung, in der eine weitere Peace Corp Freundin lebte. Da auch sie Besuch hatte, versammelten sich alle Voluntäre für ein gemeinsames Abendessen und wir wurden herzlich eingeladen. Als Abendmahl stand Pizza auf dem Plan, die ich wegen des Käses leider nicht genießen konnte. Das Allheilgetränk für den Abend war Bier. Da mir nicht der Sinn nach Trinken stand, begnügten ich mich lieber mit einem Tee. Die Stimmung war ausgesprochen entspannt und lustig. Wir tauschten uns über die guatemalische Kultur und sonstige Reiseerfahrungen aus und lernten wie das Peace Corp System funktionierte und welche Regeln die Voluntäre einhalten mussten. Tiefergehende Gespräche folgten mit einigen der Anwesenden, während Angel mit seinem Freund durch seinen Marihuanakonsum nur noch zum Lachen kam. Er kicherte vor sich hin und machte akrobatische Kunststücke für die Kamera zusammen mit seinem Gitarrenfreund. Es war herrlich den Beiden zuzusehen. Es war ein ausgesprochen fröhlicher Abend, der uns nach langer Zeit nur mit Einheimischen mal wieder etwas internationale Luft schnuppern ließ.

Angel war wirklich der Oberclown des gesamten Peace Corp Freundeskreises. Er lud uns ein weiteres Mal zu sich ein, an dessen Tag wir uns an den Herd stellten. Während des Essens erzählte uns Angel von seiner Mormon Religion. Endlich redeten wir einmal mit jemanden, der glücklich mit seiner Religion war, uns aber keineswegs auf seinen Weg zu führen versuchte. Wir bedauerten ein wenig, dass wir bald weiterziehen würden, aber für den Moment kosteten wir die Treffen mit Angel voll aus.

Nachdem wir die Stadt bereits in allen Winkeln erkundet hatten, machten wir auch einen großen Ausflug in Tejutlas Bergen. Wir folgten einfach unserem Gefühl und trafen neben einer Schlange, die sich über den Gehweg schlängelte, auch eine Schule mitten im Wald an. Die Kinder stupsten sich gegenseitig an, nachdem sie uns gesehen hatten. Alle waren neugierig, doch trauten sie uns nicht so recht über den Weg. Mal kamen sie auf uns zugelaufen, wenn wir ihnen dann aber näher kamen, rannten sie im Eilzug kreischend zurück. Wir liefen weiter, überquerten verschiedene Flüsse, genossen die Einblicke in das Bergleben, fragten uns, wieviele Kilometer einige von den Bergbewohnern wohl am Tag zurücklegen mussten, trafen gar auf kleine Dörfer und genossen die vielen neuen Pflanzen, Bäume und Tiere, die wir zuvor noch nicht gesehen hatten. Es war ein herrlicher Spaziergang, denn die meiste Zeit
gab es nur uns zwei Menschenseelen und sonst nur reine Natur. Einige Male trafen wir auf sandige Strassen, doch es war fast unmöglich für Fahrzeuge bis dorthin vorzustossen. Obwohl es ein sonniger Tag war, zogen bald schwarze Wolken auf, die uns am Ende unter Bäumen Schutz suchen ließen. Gut, dass es während des vierstündigen Ausfluges nicht zu stark regnete, denn sonst hätten wir so manche schmalen Wege, die steil den Hang hinaufführten, nicht begehen können. Gut auch, dass wir in einigen Situationen doch nicht allein waren, denn es war nicht einfach den Weg zum Haus zu finden, da wir auf einem anderen Weg zurückkamen. Nach diesem Ausflug wollte uns die Familie kaum glauben, dass wir vier Stunden gelaufen waren. Das war in Guatemala nicht üblich, jedenfalls nicht zum reinen Vergnügen. Wir allerdings waren glücklich und ausgefüllt an diesem Tag.

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