La posada de Arquimedes (Juni 6 – Juni 10)

Juni 19, 2007  
Themen: Venezuela

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Wir machten uns nach Punta Arenas auf, um ein paar Tage in der Posada de Alquimedes, in die uns Rimas eingeladen hatte, zu verbringen. Um aus Caracas herauszukommen, fuhren wir mit der U-Bahn bis zu einem Busterminal im Osten der Stadt. Wir wollten nach Caucaguas (50km oestlich von Caracas). Kaum sassen wir in einem der Busse, sprach uns eine Dame an. “Woher kommen Sie?” Augustas antwortete, “Aus Litauen.” “Ich komme aus Polen!”, meinte Christina. Da hatten sich ja zwei getroffen. Christina bat uns sofort in ihrer Reihe Platz zu nehmen, damit wir miteinander schwaetzeln konnten. Sie wurde in Frankreich geboren und kam im Alter von 2 Jahren nach Venezuela. Sie hat als Kinderzahnaerztin gearbeitet und in der Universitaet unterrichtet. Jetzt befand sie sich voruebergehend im Ruhestand, denn sie hatte eine andere Idee, die es noch zu verwirklichen galt. Die ganze Fahrt ueber redete sie auf uns ein und bat uns, bei unserer Ruekkehr nach Caracas 1-2 Tage mit ihr zu verbringen.

In Caucagua verabschiedeten wir uns von Christina, um einen Minibus bis Tapipa (3 km) zu nehmen. Wir wollten so gern trampen, aber bis Caucagua war das schwierig. Auch Caucagua war etwas verwirrend und letztlich empfanden wir es als gute Entscheidung, mit dem Minibus bis Tapipa zu fahren, da wir so direkt auf der Strasse nach Barcelona landeten. Der Minibus-Fahrer liess uns im Nirgendwo heraus, da Tapipa nicht direkt an der Strasse lag und er genau wusste, dass wir trampen wollten. Der Fahrer wollte nicht einmal Geld von uns haben, was uns sehr erstaunte. Wir stiegen aus und fanden uns am Strassenrand, an einer kleinen Haltebucht, umgeben von Dschungel wieder. Na, ob das so gut war?

Trampen in Venezuela begann. Wir hielten vorsichtig den Daumen heraus und keine fuenf Minuten spaeter hielt ein geraeumiger Transporter an. Wir stiegen in das schwarze Gefaehrt ein und brausten los. Unser Fahrer war sehr nett. Er war Portugiese, lebte aber so gut wie sein ganzes Leben in Venezuela. Unsere erste Fahrt war wirklich gelungen. Wir hielten unterwegs an und wurden von unserem Fahrer gar zum Essen eingeladen. Es gab Reis mit Bohnen und Salat. An sich nichts ungewoehnliches fuer uns, nur das dieses Mal die Bohnen mit Zucker zubereitet wurden waren. Es bedarf einiger Geschmacksanpassungen zu salzigem Reis gezuckerte Bohnen zu essen, am Ende war es aber durchaus lecker.

Kurz vor Barcelona bog unser Fahrer in eine andere Richtung ab und wir mussten unseren Weg von einer chaotischen Strassenkreuzung fortsetzen. Wir fuehlten uns unwohl, trotz das auf der anderen Strassenseite, ungefaehr 100 Meter entfernt, ein Polizeiposten war. Wir hatten bereits zur Genuege gehoert, dass man denen nicht ueber den Weg trauen kann. Gott sei Dank hielt bald ein Uni-Lehrer an und brachte uns in seinem alten Pick-Up bis zur Bushaltestelle in Barcelona. Von dort meinte er koennten wir entweder trampen oder aber besser den Bus bis Puerto La Cruz nehmen. In Puerto La Cruz geht naemlich die Strasse Richtung Cumana weiter, die wir nehmen mussten um nach Punta Arenas zu gelangen. Wir wollten lieber trampen, was wir auch deutlich machten. Da drueckte uns der Lehrer kurz vorm Aussteigen 5000 Bolivar (1,50 Dollar) in die Hand. “Fuer den Bus”, meinte er dazu und laechelte uns dermassen gluecklich an, dass wir die Geste akzeptierten. Er bat auch die Strassenverkaeuferin an der Bushaltestelle, sich unserer anzunehmen und in den richtigen Bus zu stecken.

Weg war der Lehrer und da standen wir. Wir trampten ein wenig, beobachteten aber auch die Busse nach Puerto La Cruz. Die Gegend in der wir uns befanden, war genauso unangenehm wie zuvor die Kreuzung. Es wimmelte von Menschen und Autos, Strassenverkaeufern und Bussen. Ein Wirrwarr, dass einen schwer den Ueberblick behalten liess. Wir erkundigten uns bei der Verkaeuferin und ihrem Kollegen, ob es in der Naehe ein sicheres Plaetzchen zum Zelten gab, was sie kategorisch ablehnten. “Es ist viel zu gefaehrlich hier!” Da es schon spaet war machten wir uns Sorgen, ob wir noch vor Einbruch der Dunkelheit einen geeigneten Schlafplatz finden wuerden. Da sich kurz nach der Bushaltestelle eine Seitenstrasse befand, aus der eine Unzahl von Fahrzeugen kam, entschieden kurzerhand von dort zu trampen. Kaum standen wir dort, kam auch schon ein Auto an uns vorbeigefahren, dessen Beifahrerin das Fenster herunterkurbelte und schrie, “Macht euch von der Strasse weg, die werden euch ausrauben!”. Vielen Dank fuer die Information. Wir fuehlten uns bereits unwohl zu trampen und jetzt auch noch das. Statt das sie aber anhielt, um uns von dort wegzubringen, brauste sie nach ihrem erfreulichen Satz einfach davon. Ich wollte nicht laenger trampen und da sich alle Busse, die nach Puerto La Cruz unterwegs waren, bereits an der vorherigen Haltestelle komplett fuellten, entschieden wir uns bis dorthin zu laufen. Leider kamen wir auch dort nicht in die Busse hinein. Da sich hinter der Haltestelle die Feuerwache befand, fragten wir einfach dort um Obdach. Das konnten sie uns aus Sicherheitsgruenden (wegen bevorstehenden Einsaetzen etc.) nicht genehmigen, boten aber an, uns ein Auto fuer die Fahrt nach Puerto La Cruz auf dem Firmengelaende zu organisieren. Wir warteten, hatten jedoch mittlerweile das Gefuehl, dass sich niemand mehr um uns scherte. Da sah Augustas einen fast leeren Bus nach Puerto La Cruz ankommen. Die Leute fingen an einzusteigen und doch schien es noch Platz fuer uns zwei zu geben. “Ach, ist wahrscheinlich schon zu spaet jetzt noch einsteigen zu wollen”, meinte Augustas. “Es ist niemals zu spaet!”, entgegnete ich und warf meinen Rucksack auf den Ruecken. Augustas tat das Gleiche und so rannten wir vollgeladen zum Bus. Der war schon am Rollen, doch auch aus anderen Richtungen kamen noch Leute herbeigelaufen und so schafften wir es hinein.

Nach einer halben Stunde Busfahrt waren wir in Puerto La Cruz. Wir fragten den Busfahrer nach einer billigen Bleibe, doch er konnte uns nicht helfen. Wir liefen also die Strasse zum Busbahnhof hinauf und fragten eine Dame, die im Rotary Club arbeitete. Dort bekamen wir zumindest Auskunft ueber Hostels und wo sie sich befinden. Sie meinte aber, dass es in Cumana wohl billiger sei, eine Bleibe fuer die Nacht zu finden. Letztlich gingen wir direkt zum Busbahnhof und nahmen den Bus nach Cumana.

Als wir einstiegen glaubten wir uns in feudalen Zeiten. Der Bus war ausgesprochen luxurioes. Ausladende Ledersitze mit verstellbarer Kopfstuetze und einer Beinablage. Ein Sitz nahm den Platz von sonst zweien in Breite sowie Laenge ein. Wir liessen uns genussvoll hineinfallen und fielen erschoepft in einen kurzen Schlaf.

In Cumana angekommen suchten wir eine Moeglichkeit in der Naehe des Busbahnhofes zu uebernachten. Das einzige Hostel war die Posada El Terminal. Dort war alles voll. Wir baten um Platz auf dem Boden, da weichte der Einlasser auf. Er bot uns das letzte Zimmer an, was eigentlich als Umkleidekabine fuer die Mitarbeiter diente. Es gab keine Fenster in dem Raum und die Klimaanlage war kaputt. Es war superheiss in dem Zimmer. Auch war wohl lange nicht mehr saubergemacht worden, so dass es vor Staub nur so stand. Aber es hatte ein Bett, eine kalte, karge Dusche und eine Toilette. Mehr brauchten wir nicht. Und so akzeptierten wir das Angebot und bezahlten ganze 4 Dollar dafuer, die natuerlich direkt in die Hosentasche unseres Gegenuebers wanderten.

Am Morgen um 6 Uhr mussten wir aus dem Zimmer verschwunden sein, damit niemand von seinem “Nebenverdienst” mitbekam. Wir liefen zu Fuss bis zum Hafen, was auch nicht gar so gemuetlich war. Wie gut, dass wir das nicht am Abend zuvor probiert hatten. Mit der Faehre kamen wir bis Manicuare, einem kleinen Dorf nicht weit von Punta Arenas, auf der Peninsula de Araya. Dort angekommen machten wir uns zum Ende von Manicuare auf, um nach Punta Arenas zu trampen. Verkehr gab es kaum. Wir fragten nach dem Transportpreis bis Punta Arenas, der gleich einmal 30000 Bolivar (8 Dollar) betragen sollte. Das war natuerlich gelogen, aber den “Touristen”, wie sie uns gerne nennen, fliegt das Geld ja nur so zu. Spaeter fanden wir heraus, dass der Preis bei ca. 2000 Bolivar (0,60 Dollar) liegt.

Am Ende Manicuares angekommen, kamen wir mit zwei Maennern ins Gespraech. Sie waren neugierig woher wir kamen und halfen uns am Ende eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Sie hielten ein Auto fuer uns an und schwups waren wir an der Kreuzung nach Punta Arenas. Dort kamen wir nach einer Weile mit dem Schul-LKW weiter, der sonst die Kinder von der Schule abholt. Nach einem darauf folgenden, laengerem Marsch am Strand entlang erreichten wir endlich die Posada de Arquimedes.

Arquimedes begruesste uns erfreut. Wir wurden sofort zu einem deftigen Fruehstueck mit Arepas (Maisfladen), Kaese und Sardinen eingeladen. Dazu gab es leckeren Tee. Arquimedes Freund war am Vorabend angekommen und gesellte sich auch zu uns.

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Arquimedes ist eine interessante Persoenlichkeit. Als junger Mann hatte er dem modernen Leben abgeschworen und sich nahe einer Gruppe Hippies im Dschungel Venezuelas, in der suedlichen Region Bolivars, abgesetzt. Dort lebte er 10 Jahre allein inmitten von Urwald, ohne jegliche Annehmlichkeiten der modernen Welt. Er pflanzte sein eigenes Essen an und widmete sein Leben der Natur- und Kulturforschung Venezuelas. Aus finanziellen Gruenden konnte er viele seiner Werke bisher nicht veroeffentlichen. Irgendwann hielt aber auch in dieser verlorenen Welt die Moderne Einzug, so dass er zurueck in den Staat Sucre ging, wo er aufwuchs und von jenem Zeitpunkt an die Posada de Arquimedes errichtete.

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Wir bekamen das Zimmer gezeigt, wo wir uns niederlassen konnten und waren begeistert. Eine Leiter fuehrte in ein oberes Stockwerk, in dem der Boden mit Strohmatten ausgelegt war. Eine Art Balkon bot einen wundervollen Blick auf die Baeume und das Meer. Es gab drei Betten, eine Haengematte und ein

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bequemes Sofa. Fenster waren nicht vorhanden, nur vereinzelt Vorhaenge. Das war gut so, denn dadurch bliess der Wind herrlich hinein. Zusaetzlich gab es noch ein paar Ventilatoren. Es war das reine Paradies, in was uns Rimas da geschickt hatte. Wir nutzten diese paradiesische Umgebung gleich fuer einen ausgedehnten Vormittagsschlaf.

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Wir verbrachten drei Tage bei Arquimedes. Waehrenddessen waren wir jeden Tag am Strand, denn der bot neben glasklarem Wasser eine herrliche Abkuehlung. Oft begleitete uns dazu auch Hippie, einer von Arquimedes Hunden, der nur so nach Gruenden suchte nicht zu Hause zu sein. Am Strand fand es Hippie dann aber auch zu langweilig und streunte lieber in der

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Nachbarschaft herum. Da gab es einen Nachbarshund von grossem Kaliber. Gut, dass der sich hinter einem Zaun befand, denn mit seinem grossen Maul schien er unwillkommene Besucher gleich zu verschlingen. Liefen wir an seinem Zaun vorbei, bellte er wie verrueckt. Mir jagte es oft einen Schrecken ein. Hippie schien das Spektakel zu geniessen. Er schnueffelte genuesslich den Zaun entlang, wusste er doch, dass sein Nachbar nicht ausbrechen konnte. Es fuehrte sogar so weit, dass Hippie ihm die Zaehne zeigte, was aber eher an ein hoehnisches Grinsen erinnerte. Dazu hob er direkt vor des Nachbarn’s Nase sein Bein und pinkelte froehlich vor dessen Pfoten.

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Mit Arquimedes Freunden machten wir einen Ausflug nach Araya. Wir besuchten alle Vier den Salzsee und sahen bei der Aufschichtung des geschoepften Salzes zu. Wenn wir unsere Haende in den See hielten, bildete sich eine Oelschicht auf unserer Haut. Das, was wie Sand am Seeboden aussah, war in Wirklichkeit pures Salz. Endlich wusste ich also das Geheimnis, woher das Meersalz stammte. Wir besuchten auch El Castillo, eine alte Burg, die bereits in vielen Teilen zusammengesteurzt ist. Die Burg wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts erbaut, wird aber nicht instand gehalten. Irgendwie war das gut so, denn auf diese Weise behielt die Burg ihre Magie der Vergangenheit. Ich haette Stunden dort oben verbringen koennen. Am Ende des Ausflugs sahen wir Arquimedes Freunden noch beim Fischkauf zu, was bei uns eine Gaensehaut hervorrief, da wir sahen, wie die Schuppen der Fische und deren Innereien entfernt wurden. Zudem wurden wunderschoene Muscheln mit grossen Steinen zerschlagen, um an dessen

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Fleisch heranzukommen. Ach, irgendwie traurig um die faszinierenden Seebewohner… Aber wie sagte einer der Fischersleute zu mir, “Wir wissen, dass wir dem Meer etwas wegnehmen, doch bitten wir es jeden Tag um Vergebung, denn die Meerestiere sind das Einzige, von dem wir leben koennen.”

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