Gute Zeiten, schlechte Zeiten (Juni 17 – 19)

August 22, 2007  
Themen: Venezuela

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Wir verliessen “La Casita” ausgeruht und wurden vom Chaffeur freundlicherweise direkt bis zur Kreuzung in Richtung Caicara del Orinoco gebracht. Die Ecke wirkte wenig gemütlich. Hier dauerte es zudem eine Weile, bis wir endlich ein Stück mitgenommen wurden. In Agua Blanca, ca. 100km weiter, hiess es wieder stundenlang warten. Nicht einmal stärken konnten wir uns, da in dem einzigen Restaurant die Preise mit willkürlicher “Touristensteuer” versehen wurde. Das natürlich nur, als wir nach einem einfachen Mittagsmahl von Reis und Bohnen fragten. Da wir uns nicht gern über den Tisch ziehen lassen, aßen wir aus Trotz eben nichts. Endlich ging es weiter und zwar bis zu einem weiteren Restaurant direkt an der Strasse, in der Nähe von La Esperanza. Dort versenkte uns zuerst die Hitze mit Haut und Haar und später überschütteten die Wolken uns mit reichlich Nass, während wir erfolglos unser Dasein am Strassenrand fristeten. Es gab wenig Verkehr, doch daran lag die schlechte Erfolgsrate sicher nicht. Niemand wollte uns mitnehmen und dabei hatten wir uns so schön positioniert! Woanders zu trampen kam auch nicht in Frage, da das einzige Zeichen von Zivilisation weit und breit, das vor uns liegende Restaurant war.

Eine junge Frau winkte uns von der anderen Strassenseite aus zu. Ich rannte hin und sie erklärte uns, dass wir auf der ihrigen Seite eine bessere Chance zum Trampen hätten. Ich nutzte diese Gelegenheit zur Nachfrage, ob wir eventuell die Nacht in der Nähe des Restaurants verbringen konnten und sie sicherte mir zu, dass der Besitzer nichts dagegen hätte. Doch noch wollten wir nicht aufgeben. Wir folgten dem Rat der jungen Dame und wechselten die Seite. Doch da schien es noch schwieriger, eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Nachdem das Restaurant und der dazugehörige Lebensmittelladen seine Türe schloss, waren wir gezwungen, den Besitzer des Restaurants um eventuelles Obdach zu bitten. Doch irgendwie bekamen wir ihn nicht zu greifen. Jedes Mal, wenn wir uns ihm annäherten, war er auch schon wieder verschwunden. Wir trampten also weiter.

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Da kam ein Transporter angefahren, der direkt vor dem Restaurant hielt. Der Restaurantbesitzer verschwand hinter dem Transporter und tauchte alsbald mit vielen Beuteln voller Obst und Gemüse wieder auf. Essen! Ich schickte sofort Augustas zu dem Transporter, damit er unser Abendbrot sichern konnte. Wir hatten an diesem Tage schliesslich kaum etwas gegessen. Ich versuchte mich derweil weiter mit Trampen. Vielleicht würden sie ja für eine einzelne Dame anhalten… Doch nix wars. Stattdessen gesellten sich ein paar Jungen zu uns. Sie blödelten dumm herum und rangen sich irgendwann dazu durch, uns auch richtige Fragen zu stellen. Wir fanden die Unterhaltung recht witzig. Nur einmal fragte ich mich, wo ich eigentlich war. Einer der Jungen, er war so um die 13-14 Jahre alt, erklärte mir, wie ich “erfolgreich” ein Auto anhalten könnte. “Schau mir zu. Du ziehst einfach den Revolver, so!” Mit seinem Arm demonstrierte er, wie ich den Revolver aus meinem Magazin ziehen würde und auf das ankommende Auto richten soll. “Dann gehst du einfach näher und sagst, ‘Nimm mich gefälligst mit!'” Da blieb mir die Spucke weg. Später erfuhren wir auch, warum ein solch junger Knabe auf eine derart absurde Idee kommen kann. Sein Vater war fleissig im Gold- und Diamantengeschäft und besass bereits seit vielen Jahren seinen eigenen Tagebau. In der Gegend um La Esperanza war es recht üblich, seine eigene Höhle für den Gold- und Diamentenabbau zu besitzen. Neid und dadurch hervorgerufene Gewalt waren an der Tagesordnung. Kein Wunder, wenn die Kinder schon frühzeitig Waffen als “Kommunikationsmittel” einsetzen wollen…

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Die Abenddämmerung brach über uns herein und zwang uns endlich zum aufgeben. Wir baten um Obdach auf dem Grundstück des Restaurantbesitzers, das er uns sofort genehmigte. Wir konnten unser Zelt unter einem Dach aufstellen, das in der Mitte ein riesiges Loch hatte. Immerhin waren wir aber damit dem Regen nicht komplett ausgeliefert. Jetzt kam auch der Hunger richtig durch und wir machten uns daran endlich eine richtige Mahlzeit in uns hineinzustopfen. Dabei sah uns die Truppe der Jungen zu, die sich bereits während des Trampens zu uns gesellt hatte. Augustas blödelte mittlerweile genausoviel und es schien, als hätten sich da die richtigen Leut’ gefunden. Es wurden Zaubertricks ausgetauscht, die Jungen wurden vor viele Rätsel gestellt und angehalten zu beweisen, dass alle Streichhölzer in der ihrigen Schachtel auch wirklich funktionierten. Und so fingen sie an, ein Streichholz nach dem anderen anzuzünden und untermalten die gute Funktionsweise mit dem Kommentar, “siehst du, das funktioniert auch; die funktionieren alle!” Wir kicherten in uns hinein, denn Augustas hatte sich schelmischerweise diese Aufgabe ausgedacht. Am Ende bekamen wir dann noch jeder eine Kokosnuss, die wir genussvoll austrinken konnten. Dann zogen die Jungen ab, denn sie wollten noch rechtzeitig zum Dorffest gelangen.

Mit dem Restaurantbesitzer hatten wir keinerlei Konversation. Nur einmal, während wir kochten, kam er kurz nachschauen, ob alles seinen Gang geht. Er begutachtete unser Zelt, schaute wortlos in unseren Kochtopf und verschwand auch schon wieder.

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Ein neuer Tag und neue Hoffnung. Wir hatten Mühe aus den “Betten” zu steigen und uns für den Tag fertig zu machen. Draussen regnete es noch immer in Strömen. Es sah also alles andere als einladend aus. Das Restaurant öffnete mittlerweile, so dass wir es an der Zeit sahen, unsere Sachen zusammenzupacken. Die ersten Frühstücksgäste kamen an. Einer fiel mir besonders auf. Er hatte einen schwarzen Jeep und war allein unterwegs. Mein Gefühl schlug mal wieder Alarm. Das war unsere Mitfahrgelegenheit. Ich sprach den Herrn an und bat ihn um einen Lift. Er stimmte zu. Da er ausgerechnet auch bis Caicara del Orinoco unterwegs war, schaltete mein Hirn bereits auf Bingo! Ich informierte schnell Augustas und in einem Eilzugtempo packten wir unsere Rucksäcke. Zuvor hatte sich bereits ein Mann zu uns gesellt, der sich auch auf dem gleichen Wege befand und auf den Bus wartete. Er war neugierig und stellte uns allerhand Fragen, während wir unsere Sachen zusammenpackten. Als ich dann mit der freudigen Nachricht einen Lift zu haben zurückkam, fragte er uns natürlich auch aus. Sollte ich es ihm sagen? Mich umgab ein etwas mulmiges Gefühl, dem Herren von unserem Glück zu erzählen, zumal er ja auch in die Richtung unterwegs war. Aber auf der anderen Seite dachte ich mir, er wird wohl so viel Anstand haben, dass er den Fahrer nicht auch noch um Mitnahme bittet. Nun wusste er also Bescheid und kurz darauf verschwand er. Ich wusste genau wohin und hoffte inständig, dass unser Fahrer ihn ablehnen würde. Denn mir war von vorneherein klar, dass er diesen Herren nicht mitnehmen wollte. Wir waren gerade in den letzten Zügen des Packens, da stürzte der Herr mit dem schwarzen Jeep in unsere Ecke. Er schaute flüchtig auf unser Gepäck und meinte plötzlich hastig, “ich muss weg, ich kann euch nicht mitnehmen; ihr habt ausserdem viel zu viel Gepäck…” Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Erst ja sagen und dann einfach abziehen. Ich lief ihm also hinterher und bat ihn inständig um Mitnahme. Ja, ich flehte ihn regelrecht an! Nach unserem erfolglosen Vortag wollte ich UNSEREN Fahrer nicht so einfach gehen lassen. Doch es half alles nichts. Er schloss die Tür, schüttelte in einem deutlichen Nein-Rhythmus seinen Kopf und weg war er. Da fuhr er hin, unser Fahrer. Oh, war ich sauer! Ich war regelrecht wütend. Nur wegen diesem Mann, mit dem ich aus puren Vertrauen heraus unser Glück geteilt hatte, war unser Fahrer jetzt weg. Ich bin mir sicher, dass der Mann deswegen so schnell die Kurve gemacht hat, weil der andere Herr ihn auch
um Mitnahme gebeten hatte. Noch dazu glaube ich, dass er abgelehnt wurde und dem Herrn mit dem Jeep deswegen versuchte davon zu überzeugen, uns nicht mitzunehmen, weil wir zu viel Gepäck hätten. Letzteres hätte aber locker in seinen leeren Jeep gepasst. Ich war vielleicht frustriert.

Augustas schaffte es mich wieder zu beruhigen. Am Ende ist es ja auch so, dass dieser Jeep nicht wirklich für uns bestimmt war, sondern nur als zuckersüsses Bonbon unter unsere Nase gerieben wurde. Das Erlebnis mit dem Herrn schien mittlerweile als reine Fatamogana, doch wusste ich ja, dass wir einfach so im Stich gelassen wurden. Seufz.

Wir trampten also an der gleichen Stelle weiter wie am späten Abend des Vortages. Und schau mal einer an, wir mussten gar nicht so lange warten. Der Regen kam uns vielleicht auch zu Gute, denn er war dabei uns restlos einzunässen, als das erste Auto anhielt. Eine Mutter mit ihrem Sohn war auf dem Weg nach Guarataro. Unserer Landkarte nach lag das in einem Gebiet, wo es keine Strasse gab. Später stellte sich das als unsinnig heraus, denn es gab eine geteerte, einwandfreie Strasse bis nach Guarataro. Wir wurden bis zu einer Kreuzung mitgenommen, an der wir geradewegs weitertrampen konnten. Stück für Stück, mit langen Wartezeiten verbunden, schafften wir es bis Maripa. Dort überraschte uns mal wieder der Regen und zwang uns zur Pause. Wir hatten bereits mitbekommen, dass wir uns nicht am Ende von Maripa befanden, so dass wir bei Auftauchen der Sonne dem Stadtende entgegenliefen. Von dort aus gelangten wir recht zügig mit einem leeren Transporter zu einem naheliegenden Dorf. Wieder hiess es warten. Mal regnete es, mal brannte uns die Sonne auf die Glieder. Anziehen, ausziehen, warten. Endlich kam ein Jeep angefahren. Mit einem Engelslächeln hielten wir unser beider Daumen heraus und hofften inständig auf Gnade. Der Fahrer muss uns erhört haben. Er hielt an und trotz dass

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er wahrlich vollgeladen war, half er uns aus. Wir räumten ein wenig hin und her, damit wir uns und unser Gepäck ins Auto hineinverfrachten konnten. Im Kofferraum wäre genug Platz gewesen, doch da befand sich ein mindestens 1,20 Meter breiter, 50 cm tiefer und hoher Lautsprecher: damit man die Musik auch wirklich hören kann…

Eigentlich wollten wir ja den Orinoco in Caicara überqueren. Als wir aber hörten, dass unser Fahrer bis Puerto Ayacucho unterwegs war, fingen wir an zu grübeln. Warum nicht einfach dorthin ziehen, wo unser Fahrer hinfährt? Ich hatte riesige Lust darauf, wahrscheinlich auch, weil es nach zwei so miesen Trampertagen endlich mal wieder ein Auto über eine super lange Strecke war. Augustas rümpfte die Nase, als ich mit dieser genialen Idee ankam. Am Ende entschieden wir uns für den Mittelweg. Wir wollten den Orinoco in Puerto Paez, einem winzigen Hafen, überqueren.

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Und wieder, mein Gefühl behielt Recht. Kurz nachdem wir die Abzweigung nach Caicara hinter uns gelassen haben, tauchte eine irrsinnig interessante Landschaft vor bzw. neben uns auf. Riesige Felsbrocken, geformt zu Hügeln, ja gar kleinen Bergen, mit spärlicher Vegetation und vereinzelten, zauberhaften Wasserfällen säumten die Strasse. Der Himmel spielte mit seinen Wolken und zauberte zu diesem bereits atemberaubendem Bild noch künstlerische Werke hinzu. Ich war von diesem Anblick hin und weg. Unser Fahrer kämpfte mit der immer schlechter werdenden, sandigen und mit unzähligen Löchern versehenen Strasse. Mir machte das alles wenig aus. Ich genoss die Fahrt wie seit langen nicht mehr. Als dann irgendwann auch winzige Dörfer von Eingeborenen auftauchten, war ich restlos begeistert. Ich wäre am Liebsten ausgestiegen, hätten wir nicht bereits unsere Ankunft in Caracas angekündigt. Die Eingeborenen glichen wenig denen, die nackend oder nur mit einem Lätzchen bekleidet durch die Natur hopsten. Sie trugen moderne Kleidung, doch lebten noch wie einst in ihren selbstgebauten Stroh- und Palmblätterhütten. Ich sah die Kinder durch die Gegend wusseln, die Mütter Wäsche waschen, die Jungen und Männer im Fluss fischen, Jugendliche auf Fahrrädern, und vereinzelt Lernwillige, die ihre Hausaufgaben direkt neben der Strasse erledigten. Das vor allem, da es dort ab und zu eine Bank gab und ausreichend Licht. Denn die Hütten hatten ausser einer Tür keine weitere Lichtquelle. Vielerorts sah ich Hängematten, in denen Menschen jeden Alters entspannt die Zeit verstreichen liessen. Einmal konnte ich auch beobachten, wie ein paar

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Frauen Yucca (ein kartoffelähnliches Wurzelgemüse) an einem riesigen Reibeisen rieben. Aus der zerriebenen Masse würden sie später Yucca-Brot herstellen, was sehr beliebt in Venezuela ist.

Wir näherten uns Puerto Paez. Unser Fahrer erklärte uns aber, dass er uns erst in der Nähe von Puerto Ayacucho, an einem Militärkontrollpunkt, herauslassen würde. Die Rekruten kannten ihn gut, da er sozusagen ihr Chef war. Er wiess seine Kumpanen also an, uns eine Mitfahrgelegenheit bis Apure (die Provinz nördlich von Puerto Paez) zu besorgen. Wir hätten es aber besser gefunden, in der Militärzone unser Zelt aufstellen zu können und über Nacht auszuruhen. Wir ließen unseren Fahrer davonziehen. Nach einer obligatorischen Wartezeit, in der wir mit Brot und Malztrunk beschenkt wurden, fragten wir die Soldaten, ob wir nicht bei ihnen übernachten könnten. Die Dunkelheit brach bereits über uns herein und wir reisen normalerweise nicht während der Nacht. Auch erklärten wir ihnen, dass wir vielleicht bis zur Apure Provinz mitgenommen werden würden, aber dort dann nicht wüssten, wo wir die Nacht verbringen sollten. An dem Kontrollpunkt fühlten wir uns sicher und das sahen die Soldaten auch ein. Problemlos wurden wir in ihre Zone hineingelassen und durften unser Zelt im Pavillion aufstellen. Der hatte wieder ein schönes Dach, so dass wir trocken über die Nacht kommen würden. Wir durften auch die Toilette benutzen, zu der man nur gelangte, wenn man durch das Schlafgemach der Soldaten schritt. In der Toilette machten wir dann auch gleich mit einer Ratte Bekanntschaft, die sich gekonnt auf den zum Trocknen aufgehangenen Unterhosen der Soldaten entlangschlängelte. Kochen wollten wir auch, was aber vorher mit den Soldaten abgestimmt werden musste. Wir bekamen die Erlaubnis. Dazu schob einer der Soldaten aber die zwei im Pavillion stehenden Bastsessel zusammen, so dass uns von der Strasse aus keiner in den Suppentopf schauen konnte. Wie hätte es auch ausgesehen, wenn die Soldaten einen LKW anhalten und dessen Blick während der Kontrolle seiner Papiere auf unser brodelndes Essen fällt. Also versteckten wir uns und erfreuten uns an der Neugier der Soldaten, die regelmässig bei uns vorbeischauten. Spät in der Nacht nahmen wir dann auch noch eine Dusche. Am Ende des Gebäudes stand eine Wassertonne, mit dessen Wasser wir unsere verschwitzten Körper reinigen konnten. Ach, war das eine Wohltat! Am

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Morgen sahen wir in dem Wasser ein paar weisse Würmer schwimmen. Diese sahen gut genährt aus, das Wasser muss also bereits seit einer Weile dort stehen. Gut, dass wir das vorher nicht gesehen haben… Zumindest stank das Wasser nicht und hat uns sauberer und frischer hinterlassen, als die zwei Tage zuvor ohne jeglichen Wasserkontakt.

Augustas hatte es eilig am Morgen. Er wollte mir partout nicht mein Frühstück gönnen. Und wenn ich kein Frühstück bekomme werde ich ungemütlich. Grummelnd trottete ich hinter ihm her, aus der Militärzone heraus. Grimmig schaute ich ihn an. Ich brachte nicht einmal ein Lächeln zu meinem den Soldaten zugerufenen Morgengruss heraus. Ich war sauer. Ich hatte Hunger. Ich war scheinbar so unaustehlich, dass Augustas endlich nachgab. Wir bereiteten eine kalte Mischung aus Haferflocken, Rosinen und Nüssen zu und vertilgten alles fröhlich mit ein paar Stücken Mandarine. Vorzüglich.

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Kaum hatten wir gegessen und unser Geschirr wieder verstaut, da hielten die Soldaten auch schon einen weissen Pick-Up an. Die Leute waren auf dem Weg bis Cagua, in der Nähe von Maracay und damit nur einen Katzensprung von Caracas entfernt. Bingo! Da hatten wir unsere lange Fahrt, von der wir so sehr geträumt hatten. Wir sattelten auf die Ladefläche auf und los gings. Da es noch früh am Morgen war, mussten wir uns tüchtig einmummeln, damit uns nicht die Nasen abfroren. In Puerto Paez mussten wir eine Weile warten, bis die Fähre endlich loszog. Währenddessen belagerten uns viele Einheimische, die ihre selbstgemachten Souvenire verkaufen wollten. Wir hatten daran wenig Interesse. Auch wollten wir nicht auf ihre Bettelei eingehen. Da näherte sich eine ältere Dame. Sie zeigte auf unsere Rucksäcke und meinte, “Gebt mir eure Sachen!” Das ging schlecht. Und warum auch? “Das ist meine einzige Bluse (sie zeigte auf ihr Oberteil), die ich habe, schenkt mir doch bitte etwas von euren Sachen, ihr habt doch so viel.” Wir mussten die Dame darauf hinweisen, dass wir genau so viel hatten, wie wir selbst brauchten. Die Diskussion und Bettelei ging soweit, bis Augustas ihr den Hintern zudrehte und auf seine an der Naht bereits weit aufgetrottelte Hose zeigte.

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Wir hatten gerade den Orinoco überquert, da mussten wir erneut einen Halt einlegen, da vor uns eine riesige Herde von Kühen den Weg versperrte. Die Kühe waren mit Hilfe von erfahrenen Cowboys auf dem Weg, den Fluss Orinoco zu durchschwimmen. Was für ein Spektakel! Weiter ging es und irgendwann kam so stark die Sonne zum Vorschein, dass wir uns nicht nur aus unseren Sachen pellen, sondern auch eine Extraportion Sonnencreme auftragen mussten. Ach, war das Leben schön. Wir machten es uns auf der rasanten Fahrt bequem. Auf dem Rücken liegend, aneinandergekuschelt, lauschten wir unserer Lieblingsmusik und ließen die sich stetig verändernde Landschaft und die Wolken wie in einem Film an uns vorbeiziehen. Die ganze Situation schien aussergewöhnlich unwirklich und wir genossen das zum Vollsten. Zwischendurch gab es eine weitere Attraktion. Ein ausgewachsenes Krokodil präsentierte sich in voller Grösse und liess uns selbst von der Strasse aus einen beeindruckenden Blick auf sich werfen.

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Eigentlich wollten wir die Nacht in El Tigre, nördlich von Ortiz, verbringen, da wir uns in einem kleinen Ort eine grössere Chance zum Zelten ausmalten. Die Gegend gefiel uns aber nicht, so dass wir weiter bis San Juan de los Moros mitfuhren. Auch dort schien es nicht gerade ideal zum Übernachten, aber immerhin möglich. Wir waren gerade dabei auszusteigen und unsere Rucksäcke zu schnappen, da schlug uns Gloria (die Schwester des Fahrers) vor, bei ihr in Los Teques zu übernachten und am nächsten Morgen nach Caracas weiterzureisen. Wir waren angenehm überrascht von dieser Einladung, zumal es die Allererste in Venezuela war. Wir stimmten zu, mit Gloria im Bus von Cagua bis Los Teques zu fahren und bei ihr zu übernachten. Wir waren seelig.

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In Los Teques angekommen, nahmen wir ein Taxi bis zu Gloria’s Haus. Wir lernten sofort ihre zwei Töchter kennen, die während ihrer Studienzeit diese Wohnung bezogen hatten. Gloria lebt eigentlich in Puerto Ayacucho und kommt regelmäßig ihre zwei Schützlinge besuchen. Um uns für diese Einladung erkenntlich zu zeigen, erledigten wir noch schnell einen kleinen Einkauf, um ein vegetarisches Mahl für alle zubereiten zu können. Beim Kochen schauten uns die drei Damen – Gloria, Gloribel und Globerlys – genau zu, damit sie es uns später nachmachen könnten. In gemütlicher Runde genossen wir das Abendessen und schwatzten, bis uns fast die Augen zufielen.

Gloria erzählte uns vom Amazonas, in dem sie aufgewachsen ist. Ihre Heimatstadt ist San Carlos de Rio Negro, was sehr weit im Süden von Venezuela, direkt am Amazonas gelegen ist. Die ersten Jahre ihres Lebens hatte sie ruhig und seelig im Einklang mit der Natur gelebt. Dann zogen ihre Eltern um nach Puerto Ayacucho, in dem sie aufgewachsen ist. Später hat sie in Caracas für eine Weile gelebt und ist dann wieder nach Puerto Ayacucho zurückgekehrt. Da ihre zwei Töchter Goribel und Globerlys noch für eine Weile studierten, hatte sie ihnen in Los Teques eine Wohnung besorgt. Obwohl Gloria erst 51 Jahre alt war, befand sie sich bereits im Ruhestand. Sie hatte sich so gut um das Wohl von Kleinkindern in einem staatlichen Kindergarten gekümmert, dass sie vorzeitig in den Ruhestand entlassen wurde. Und das mit einem sicheren finanziellen Hintergrund. Glorias wahre Liebe gilt aber dem Amazonas. Neben Büchern, die ausführlich das Leben und die Völker im Amazonas behandeln, berichteten uns Glorias Töchter von der Farm, die sie nicht weit von Puerto Ayacucho besaßen. Sie luden uns dorthin zu Besuch ein, sollte unser Weg eines Tages zurück nach Venezuela führen. Die Drei hatten ein ungemeines Wissen über das Leben im Amazonas, was uns faszinierte. Wir nahmen uns vor, wenn wir uns auf dem Rückweg nach Venezuela befinden, durch den Amazonas zu reisen. Wir erfuhren nämlich auch, dass es viele private Boote gibt, mit denen man unter Umständen mitfahren könnte. Ansonsten gibt es auch Boote, die als öffentliches Transportmittel genutzt wurden, die aber nicht vom Tourismus lebten und somit erschwinglich waren. Zusätzlich zu den Informationen von Gloria, hatte uns einer der Soldaten, Jefferson, während unseres Aufenthaltes an dem Militärstützpunkt nahe Puerto Ayacucho, von Missionaren erzählt, die sich vor langer Zeit in der Nähe von Esmeralda, nahe Coshihilo-teri niedergelassen hatten. Dort haben sie in einem winzigen Ort die Mision de Padamo aufgebaut und den Eingeborenen die englische Sprache beigebracht. Jefferson hatte einmal die Gelegenheit, die Missionare zu besuchen, und sprach mit einer derarten Freude von diesem Ort, das wir nur zu gerne dort vorbeischauen würden.

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