Vom öden Guayaquil zum kultursprühenden Riobamba

Januar 7, 2008  
Themen: Ecuador

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Guayaquil ließ uns wenig Möglichkeit zum Ausruhen. Weniger der Aktivitäten wegen, sondern mehr beruhend auf der unerträglichen, schwülen Hitze. Nicht mal Denken war notwendig, um die Schweißperlen die Stirn hinunterzujagen. Gut das Juan Pablo die Idee hatte, die Waschmaschine mit Wasser vollzufüllen, was er, Juan Antonio und Augustas mit Eimern von einem auf der Straße gelegenen Wasserhahn hochschleppten. Das reichte zum Duschen, bis das Wasser am folgenden Nachmittag endlich wieder aus der Wand sprieß.

Wir machten eine kleine Erkundungstour durch die Stadt, doch fanden wenig Gefallen an den Menschenüberfüllten Straßen. Guayaquil scheint eine schnelle Stadt, in der es der meiste Teil der Bevölkerung eilig hat und keine Zeit für ein Schwätzchen bleibt. Der Malecon, der uns als wunderschön angeprießen wurde, riß uns nicht vom Hocker. Die Segelschiffe waren dagegen weit interessanter, doch die durfte man nur von oben bestaunen.

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Zwei Höhepunkte gab es jedoch für unsere Mägen. Das Hare Krishna Restaurant am Plaza Centenario, dessen Mittagsmahl nicht nur ein Augen-, sondern auch ein Zungen- und Magenschmauß war. Zuvor gab es noch eine Maistortilla mit veganem Käse in der Mitte im Restaurante Acuario. Besser ging es kaum.

Juan Pablo empfahl uns, seine Freunde Winchy und Fausto in Riobamba kennenzulernen und da uns nichts wirklich in Guayaquil hielt, packten wir am nästen Morgen unsere Sachen.

Problemlos fanden wir unseren Weg mit zwei Bussen aus Guayaquil heraus und brauchten nur wenige Minuten, um die erste Mitfahrgelegenheit zu ergattern.

Stück für Stück näherten wir uns Riobamba an. Einer unserer Fahrer war hocherfreut, dass ich aus Deutschland komme. Sein Chef hätte nämlich viele Jahre in Deutschland gelebt. Als ich fragte, in welchem Teil Deutschlands, bekam ich als Antwort, “In Österreich.” Innerlich kringelten wir uns vor Lachen über diese Aussage.

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Aus Deutschland käme auch eine besonders cremige Kuchenglasur mit dem Namen IRIS, die unser Fahrer jahrlang vertrieben hatte. Der Vertrieb wurde wohl vor allem deswegen eingestellt, weil der Transport der Glasur von Deutschland nach Ecuador auf dem Seeweg ganze drei Monate dauerte. Bei einer Haltbarkeit von sechs Monaten hieß das, die Ware mußte in drei Monaten vertrieben und verwendet werden. Da es die ecuadorianischen Bäcker mit der Einhaltung des Haltbarkeitsdatums aber nicht so ernst nehmen, wird die Glasur einfach bis zum letzten Krümel verwendet. Ob das ein oder zwei Jahre später ist, spielt dabei wahrscheinlich keine Rolle.

In Riobamba trafen wir Winchy am Bahnhof, der hauptsächlich von Touristen zum Kauf einer US $11 teuren Fahrkarte begangen wird. Mit dieser Fahrkarte kann man dann in einem Zug, der ungefähr dreimal pro Woche loszieht, die Berge hinaufgondeln. Wahrscheinlich wegen der Jahreswende glänzte bei unserer Ankunft auf den Gleisen allerdings ein Verknügungspark.

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Winchy hörte unsere Mägen knurren und brachte uns sogleich zum zentralen Obst- und Gemüsemarkt. Dort gab es in einem kleinen Saftladen Ceviche de Chocho, eine Art Bohnen mit nussigem Geschmack in Tomaten-Zwiebelsauce und zusätzlich geröstete Maiskörner zum

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Knabbern. Vor dem Saftladen verkauften einige Frauen Buñuelos mit Honig (separat, in einer Tüte), auf die wir uns gierig stürzten. Ohne den Honig wären sie zu trocken gewesen. Sie erinnerten von der Konsistenz, Form und vom Geschmack an winzige Windbeutel, allerdings ohne Sahnefüllung. All diese Leckereien und mittlerweile gefüllten Bäuche hielten uns aber nicht von dem Versuch ab, die legendären Yapingacho in Riobamba zu versuchen. Wir ließen uns Drei der mittlerweile Vier Kumpanen, Fausto hatte sich hinzugesellt, eine Portion Yapingacho schmecken. Das ist eine Art gebratener Kartoffelbrei mit Avocado, Tomaten-Zwiebel-Salat, Krautsalat und Spiegelei. Für die Fleischesser gibt es noch eine Salchicha (Wurst) dazu. Obwohl wir nachgefragt haben und die Yapingacho keinerlei Milchprodukte enthalten sollten (manchmal werden Sie mit Käse gefüllt), waren sie wohl unbedachter Weise mit Butter zubereitet. Das bekam ich eine halbe Stunde später mit mächtigen Blähungen zu spüren.

Die Yapingachos vertilgend erzählte uns Winchy ein wenig über Astrologie und deren Zusammenhang mit Meditation. Als Yoga- und Meditationslehrer kannte er sich also auch in diesem Bereich aus. Er erklärte uns drei markante, an unseren Sternzeichen orientierte, typische Sprüche:

Wassermann:    “Ich weiß.”
Fisch:                “Ich glaube.”
Stier:                “Ich will.”

Ich brach lauthals in Gelächter aus, denn diese Vertypungen von Sternzeichen paßten ausgesprochen gut auf Augustas (Stier) und mich (die restlichen zwei, da ich genau an der Grenze geboren bin).

Winchy ist seit neun Jahren Vegetarier und besaß einst ein vegetarisches Restaurant in Riobamba. Das hat er notgedrungen vor einigen Jahren an seinen Bruder abgegeben, der daraus ein Mischrestaurant gemacht hat, indem er wieder Fleisch und Wurstwaren auf den Tisch brachte. Winchy trat das Restaurant einst an seinen Bruder ab, weil er eine deutsche Freundin hatte, für diee er für 4,5 Monate nach Deutschland zog. Dann mußte er aus Gesundheitsgründen nach Ecuador zurückkehren. Er litt an Depressionen, die durch das fehlende Verständigungsvermögen verursacht wurden. Als er nach Deutschland kam, sprach er kein Wort unserer Sprache. Da ist es trotz Intensivkursen natürlich schwierig, seine Gefühle, Gedanken und Emotionen richtig auszudrücken. Das und der Kulturwandel sowie das Fehlen von Freunden und Familie, sorgten schließlich für diesen Stimmungszusammenbruch. Zurück in Ecuador kam dann seine deutsche Freundin hinterher, doch nun passierte ihr das Gleiche wie Winchy in Deutschland. Sie wurde krank, körperlich schwach und litt unter starken Depressionen. Die Beiden einigten sich also, die Beziehung lieber zu lösen, denn auf diese Weise war eine Partnerschaft einfach nicht gut zu heißen. Sie blieben dennoch gute und treue Freunde.

Wie so vielen erging es Winchy mit der Berufswahl so, dass er etwas völlig anderes ausübt, als das, was er studierte. Einst absolvierte er eine Banklehre und nun ist er Yoga- und Meditationslehrer. Die Musik ist seine Leidenschaft, bei der er sich mit verschiedenen Instrumenten und seiner Stimme auf New Age (instrumentale und Entspannungsmusik) spezialisiert.

Bei unserem Aufeinandertreffen humpelte Winchy. Obwohl man es ihm nicht ansah, denn sein Bein steckte in einer Jeans und er lief ohne Gehstützen, war sein gesamtes rechtes Bein eingegipst. Nur den Fuß hatte man verschont. Irgendwie war Winchy ungünstig ausgetreten und hatte sein Knie nach innen gebogen. Er mußte nun 21 Tage lang Gips tragen und hoffen, dass er danach unversehrt weiter die Berge hinauf- und hinunterkraxeln kann.

Auf dem Weg zu Faustos Wohnung nahmen wir ein Taxi. Die Fahrt gestaltete sich lustig und wir wunderten uns ein wenig, was die drei Ecuadorianer so aufputschte. Die Erklärung folgte prompt. Jedes Jahr beginnt am 28. Dezember die Woche der Scherze. Ähnlich wie an unserem 1. April veralbern sich die Leute in dieser Zeit mit tiefen Wohlwollen.

Fausto quartierte uns in seiner Stube ein und fiel fast umgehend im Sessel in einen Tiefschlaf. Die Arbeit als Reporter der Tageszeitung El Diario schien ihn wohl völlig auszusaugen. Die Energie mußte erst einmal wieder aufgetankt werden und bei seinem Humor brauchte er davon eine ganze Menge.

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Ein kurzes Verschnaufspäuschen und schon ging es auf zur La Farola, eine Organisation junger Menschen, die mittels Theather, Kunst und Musik die Welt der Kinder bereichern und für die Armen und Misshandelten unter ihnen Verbesserungen in den Lebensumständen bewirken wollen. Die Organisation existert erst seit einem Jahr, hat sich aber wunderbar in Riobamba establiert.

In La Farola trafen wir Angie, Winchys Freundin. Einen Kopf größer als Winchy selbst, gaben die Beiden ein köstliches Paar ab. Sie paßten einfach wunderbar zusammen. Da sag noch einmal jemand, dass der Mann größer als die Frau sein muß.

An diesem Abend wollten die Mitwirkenden von La Farola ein wenig Theater und Musik spielen sowie ein paar Arepas (Maisfladen) zaubern. Leider kam es nicht dazu. Die Organisation mußte eine Bilanz über die Aktivitäten des vergangenen Jahres ziehen, so dass wir nach einer halben Stunde mit Winchy wieder auf der Straße standen.

Es hatte aber sein Gutes, denn wir landeten an dem überaus belebten Vergnügungspark, wo wir leckere kolumbianische Waffeln aßen, die eher an zwei Oblaten mit Marmelade dazwischen erinnerten. Die Marmelade tropfte mir natürlich überall auf die Jacke, was bei der an diesem Ort vollzogenen, traditionellen Tänze kein Wunder war. Riobamba veranstaltete nämlich seit einiger Zeit jeden Sonntag eine Art Kulturfest, um die Traditionen weder zu verlieren noch zu vergessen. Die Stadt hatte eine besondere Tanzgruppe, die ständig Kostüme wechselte und Tänze aus Kolumbien, Ecuador und Bolivien präsentierte. Die Musik, die farbenfrohen Gewänder, die fröhlichen Tänzer, alles riß uns mit und ließ uns die Welt um uns herum vergessen.

Zum Abschluß dieses tollen Abends gingen wir noch einmal zur La Farola. Auf dem Weg dorthin mußten wir an endlos langen Staus vorbeilaufen. Wie es dazu kam, war mir nahezu ein Rätsel. Riobamba ist so klein, man kann gemütlich in all seine Ecken zu Fuß laufen. Gerade in einer Freitag Nacht, würde doch jeder Feierlustige sein Gefährt lieber zu Hause lassen, damit er bedenkenlos bei alkoholischen Getränken zulangen kann. Nicht so jedoch in Riobamba. Dort vergnügte man sich scheinbar vorzugsweise mit dem Aufenthalt im Stau, statt mit Freunden ausschweifend durch die Straßen zu ziehen.

In Angies Büro bekamen wir schließlich eine CD mit all den Liedern gebrannt, dessen Melodien wir bei den Tanzaufführungen vernommen hatten. Die Erinnerung an diesen kurzen, aber intensiven Aufenthalt in Riobamba werden uns somit für immer erhalten bleiben.

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