Unsere Bleibe in Iquitos

März 31, 2008  
Themen: Peru

In Iquitos fanden wir Obdach bei Pilar, der Freundin von Egle, einer Litauerin, die an einem Forschungsprojekt über Shamanismus im peruanischen Dschungel arbeitete. Momentan arbeitet Egle allerdings an anderen Projekten und Ideen in Peru.

Wie haben wir wohl die letzten 4 Wochen bei Pilar gehaust?

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Pilars Haus, bzw. das ihrer Tante Maria, befindet sich an einer Straßenkreuzung, in einer weder reichen noch armen Nachbarschaft. Die Häuser sind meist aus Holzlatten und Ziegeln erbaut worden. Unser Haus besteht aus vertikalen Holzlatten mit einem Zinndach. Tagsüber verwandelt sich das Haus in eine Sauna und ist nur für saunaverrückte Finnen eine Wohltat.

Die Haustür hat kein Schloß, nur einen kleinen, metallischen Riegel, der nachts von Maria vorsichtig vor die Tür geschoben wird. Zusätzlich stellt Maria einen kleinen Tisch vor die Tür. Man weiß ja nie…

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Das geräumige Wohnzimmer wartet direkt hinter der Eingangstür und ist heißbegehrt. Nahezu jeden Tag bricht gegen 22 Uhr das Bingo-Fieber aus. Dafür finden sich 4-5, manchmal auch 8, von Marias rauchfreudigen Spielgenossen im Haus ein und verkünden für die folgenden 3-4 Stunden die gezogenen Zahlen. Hin und wieder schreit dann einer der Spieler “BINGO!” in die Runde und sammelt seinen Gewinn ein, der monetär auf jedem Spieltisch für eingesetzt wurde. Die Idee von Bingo ist, dass die ausgerufene Nummer auf der eigenen Spieltafel gesucht und mit einem Spielstein belegt werden muß. Jeder von Marias Spielern hat

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ungefähr 12 dieser Tafeln vor sich liegen, so dass das Spiel zur intensiven Herausforderung wird. Sobald ein Spieler eine horizontale, vertikale oder diagonale Reihe mit Spielsteinen bedeckt hat, ruft er “Bingo!” und gewinnt die Runde. Die Menge von Nummern auf den Spieltafeln werden in Marias Haus mit Maiskörnern bedeckt, die am Morgen von den hauseigenen Hühnern mit Freude stiebitzt werden.

Bingo, so scheint es, ist ein wahrer Hit in Peru. Selbst auf einen der Boote, die wir entlang des Rio Napo nahmen, bildete sich eine Gruppe von Bingo-Fanatikern, die dabei kopflos den gesamten Ein- und Ausgangsbereich des dritten Oberdecks blockierten. Außer ihren Körnern und Nummern bekamen sie um sich herum nichts mit. “Vierundzwanzig – Zwei Vier, (schütteln des Bingo-Beutels mit den Spielsteinen), Sechsundfünfzig – Fünf Sechs, (schütteln), Vierzehn – Eins Vier, …, Bingo!, Einundzwanzig – Zwei Eins, …”, hallte es die ganze Nacht – zur Freude derer, die Zuflucht in ihren Träumen versuchten zu finden und bei diesem Lärm kläglich daran scheiterten – durch das Boot.

Aber nun zurück zum Haus. Für die Bingo-Episoden wird das Wohnzimmer mit vier schmalen Tischen ausgestattet. Reichlich Platz also, der tagsüber von Kindern in Beschlag genommen wird. Von dem Wohnzimmer zweigt ein 12 Meter langer Korridor ab, der bis zur Küche führt. Links und rechts von dem Korridor zweigen die Zimmer ab, deren Wände auch aus Holzlatten bestehen. Es gibt zwei Räume auf der linken und drei auf der rechten Seite. Die Hälfte des Korridors hat einen zementierten Fußboden, die andere Hälfe und zwei der Räume, sind auf nacktem Erdboden errichtet.

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In einem der frisch zementierten Räume quetschten wir unser Zelt hinein und versuchten es uns gemütlich zu machen. In Iquitos ist es wichtig, unter einem Moskitonetz zu schlafen; eine Funktion die unser Zelt glücklicherweise erfüllt. Um ehrlich zu sein, gibt es nur vereinzelt ein paar Moskitos, aber man weiß ja nie. Die Doktoren in Iquitos erklärten uns, dass in den Städten zwar selten Malaria-Erkrankungen auftauchen, dafür aber das Dengue-Fieber an der Tagesordnung sei.

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Es gibt 5 Räume in Marias Haus, die eine Wohnfläche von 36m² umfassen. Drei der Räume haben eine durchschnittliche Größe von 2mx3m, die anderen zwei sind ein klein wenig größer. Wir leben in einem der kleinen Räume. Der zweite Raum ist nahezu leer, einzig mit einem Bett ausgestattet und ab und zu ausgerüstet mit einem schlafenden, vor sich hin gurgelnden, 2 Monate altem Hühnchen. Der dritte Raum gehört Pilar und faßt kaum mehr als ihr Bett, ein Regal und einen Fernseher.

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Maria und ihr Ehemann Serapio schlafen in einem der größeren Räume auf der linken Seite des Korridors. Der Alkoholiker Serapio ist ein durchaus glücklicher Mann. Wenn seine Frau mal wieder äußerst enttäuscht über seine Trinkerei ist (er war trocken für ein Jahr und begann erst eine Woche vor unserer Ankunft erneut zu trinken), schlägt sie ihm mit der flachen Hand auf die rechte Wange. Anstatt ärgerlich darüber zu werden, bietet ihr Serapio seine linke Wange für einen weiteren Schlag an. Ein geschickter Trick, um Maria zum Lächeln zu bringen, denn die andere Wange schlägt sie mit Vergnügen. In solchen Momenten kann es passieren, dass beide im winzigen Hinterhof hinter der Küche verschwinden, wo die Hühner beherbergt werden. Dort beginnt Maria Serapios graue Haare einzeln herauszuzupfen, was ihm zwar nicht gefällt, er aber mit wenig Murren über sich ergehen läßt. Obwohl der Hausbesitzer jeden Tag betrunken ist, kümmert sich seine Familie liebevoll um ihn. Sie füttern ihn, reden mit ihm offen über ihre Gefühle und ihre Sorge um ihn und seine Gesundheit, was oft in einer endlosen Blödelei endet und sorgen sich um ihn, als wäre er ein Kleinkind. Wir haben nicht ein

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einziges Mal einen ernsthaften Konflikt wegen Serapios betrunkenen Zustands erlebt. Einzig Marias Vorliebe, mit dem größten Topfdeckel oder ihren kräftigen Händen auf Serapio einzuschlagen, war ein tagtäglich zu observierendes Schauspiel. Beim Vergleich ihrer und Serapios Statur erinnert diese Szene jedes Mal an einen Cartoon.

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Schließlich kommen wir zum fünften Raum, den Pilars Schwester Maribel, ihr Ehemann Carlos und deren Kinder Carolina (12) und Carlitos (9) bewohnen. Maribels Ehemann arbeitet als Nachtwächter und ist im Wochentakt im Einsatz. Wenn er arbeitet, schläft er immer tagsüber auf dem nackten Zementfußboden im Wohnzimmer, dem einzigsten Raum, der wenigstens ein kleines Lüftchen Erfrischung einläßt. Maria und Serapio sind seine Eltern.

Nach den Räumen gelangt man in die Küche mit ihrem langen, hölzernen Tisch. Es scheint als hätte dieser in den letzten Jahren alles mögliche absorbiert: Waser, Öl, Speichel und eine gehörige Portion Hühnerkacke. Ein kleinerer Tisch in der Ecke beherbergt einen Kanister Trinkwasser. Der Küchenfußboden besteht aus roter Erde. Eigentlich ist das sehr praktisch. Wenn man einen Rest Öl in der Pfanne hat, kippt man ihn einfach auf den Boden. Das stört niemanden, denn der Boden saugt das Öl ruckzuck auf. Genauso funktioniert das mit Wasser oder Essensresten. Letzteres wird mit Vorliebe von den Hühnern gefressen, die durch das Badezimmer immer wieder in die Küche einbrechen.

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Neben der Küche befindet sich direkt die Toilette mit angebund
enem Waschplatz. Es ist ein zementierter, ca. 6m² großer Raum mit einem etwas demolierten Duschvorhang. Die Rückwand des Badezimmers ist neben einer halbhohen Mauer mit einem riesigen Maggi-Poster und einigen Holzlatten ausgestattet und hat die Funktion eines Raumteilers zum Nachbarhaus. Die Dusche beherbergt zwei große Plastikschüsseln gefüllt mit Wasser aus der einzigsten Plastikleitung im ganzen Haus.  

Die Rückwand des Hauses ist eine Konstruktion aus Holzbrettern, die im Abstand von 8cm horizontal befestigt sind. Der Abstand zwischen den Brettern ist groß genug, um den Küken

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einen ungehinderten Eintritt in die Küche zu ermöglichen. Hinter der Küche liegt ein Miniaturgarten (6m x 5m), für den 12 Hühner zuständig sind. Jeden Morgen veranstaltet ein Teil dieser Vogelviecher ein Fest auf dem Küchentisch, markiert sein Revier direkt darauf und prüft mit Kennerblick die Situation im Wohnzimmer, wo sie die Spielsteine des Bingo-Abends vertilgen. Die Hühner schleichen sich ins Haus, indem sie über die Wand

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des Badezimmers flattern. Sie stecken ihre Schnäbel mit Vorliebe in die Kochtöpfe vom Vortag. Wenn wir unser Frühstück zubereiten wollen wundert es uns mittlerweile nicht mehr, wenn wir einen Stapel voll Hühnerkacke darauf entdecken. Der Anblick ist widerlich, doch nach einer Woche gewöhnten wir uns daran und statt uns daran zu stören, fertigen wir mittlerweile wie alle anderen unser Gemüse darauf an, sobald sich jemand gefunden hat, die Hühnerkacke wegzuwischen.

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Ein paar weitere Beobachtungen über das Leben in diesem Haus:

  • Einige Male sahen wir Maria, wie sie eine Henne fing, ihr eine Feder herausriß und diese schließlich entzwei teilte. Einen Teil der Feder warf sie auf den Küchenfußboden und den anderen weichte sie kurz in einer Flüssigkeit ein, die sich in einer grünen Limonadenflasche (wir vermuten, da war Desinfektionsmittel drin) befand. Und dann, ratet mal? Sie begann ihre Ohren damit zu säubern!
  • Wir kochen hier mit einem Gasherd, ein teueres Unterfangen in Iquitos. Eine zehn Kilogramm (circa 15 Liter) schwere Gasflasche kann man für 33 Soles (€ 8) neu auffüllen lassen. Im Vergleich dazu ist die Gasflasche in Ecuador um das Doppelte größer und kostet umgerechnet nur € 1,30.
  • Haustiere. Wie ihr wahrscheinlich schon mitbekommen habt, gibt es eine Menge Hühner in diesem Haus. Unter ihnen findet sich ein zwei Monate altes, beonderes Hühnchen, dass der Hühnerschar ein Dorn im Auge ist. Neben Mobbing am Arbeitsplatz wir es getreten und man beraubt es gewaltvoll seines Federkleides. Die einzige Lösung ist, dass arme Vogelvieh im Haus unterzubringen. Das Problem hierbei ist, dass es keinen speziellen Platz für sich hat, wo es die Nacht verbringen kann. Es schläft also abwechselnd auf dem Küchenstuhl, in verschiedenen dunklen Ecken des Hauses oder aber zwischen und auf unseren Schuhen. Einmal stand Augustas sehr frühzeitig auf, noch in der Morgendämmerung und um ihn herum war es noch halb dunkel. Er hatte seine Schuhe samt seiner braunen Socken vor das Zelt gestellt und als er einen Blick darauf warf schien es, als wäre eine seiner Socken auf den Boden gefallen. Er griff nach dieser Socke, die plötzlich lautstark zu quieken anfing. Die Socke zeigte ihr wahres Gesicht und floh in einem Satz aus unserem Zimmer. Es war das arme, verlorene Hühnchen! Augustas hatte es aufgeweckt und es mit seiner Verwechselung zu Tode erschreckt. Es tat ihm unendlich leid, denn das Huhn nahm nun für einige Stunden Abstand von ihm.
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    Ein weiterer, regelmäßiger Gast in diesem Haus ist eine grau-getigerte Katze. Sie ist ein Einzelgänger und scheint niemanden zu gehören. Irgendwann, in nicht so langer Vergangenheit, tauchte sie in Marias Küche auf, wo die Bewohner des Hauses sie zu füttern begannen. Um die Wahrheit zu sagen, jeder war glücklich, die Katze im Haus zu haben, da mit ihrem Auftauchen die Mäuse schon am Hauseingang eine Kehrtwende machten.

  • Die Einheimischen drinken das Wasser direkt aus der Plastikleitung im Badezimmer. Wir

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    wollten uns keine zusätzlichen Parasiten aufladen und bevorzugten deswegen den regelmäßigen Kauf einer 18 Liter Flasche gereinigten Wassers. Es ist der billigste Weg an Trinkwasser heranzukommen, denn es kostet nur 2,5 Soles (€ 0,60) die Flasche aufzufüllen und die Menge reicht für uns beide für zwei Tage. In Mexiko kostete die gleiche Flasche das Doppelte mit 16-18 Pesos (€ 1,10).

Nun gut, soviel zu unserer Bleibe der letzten vier Wochen. Hier wurden wir krank, kochten vegetarische Speisen, litten unter der Hitze… Aber all das liegt bereits in der Vergangenheit, da wir kürzlich in Lima mit unserem ersten getrampten Flugzeug eingetroffen sind. Wie, das verraten wir euch beim nächsten Mal.

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