Boatsuche in Cienfuegos (Februar 4 – 20)

April 14, 2007  
Themen: Kuba

no images were found

Bereits kurz nach Ankunft in Kuba haben wir nach jedem Hafen Ausschau gehalten, um ein Segelboat zur Ueberffahrt auf die naechste Insel in der Karibik zu finden. Bis Cienfuegos sind wir nicht fuendig geworden, so dass wir entschieden, bis zum erfolgreichen Finden eines Bootes in dieser wunderschoenen Stadt Zentralkubas zu bleiben. In ganz Kuba gibt es nur drei internationale Ein- und Auslaufhaefen fuer Segelboote, einen in Havanna, einen in Cienfuegos und einen in Cayo Largo. Letzterer liegt allerdings auf einer Insel im Sueden Kubas. Da Segelboote in Havanna meist nur anlegen, um entweder Kuba Richtung den USA oder Mexico zu verlassen, oder aber um sich fuer eine Segelfahrt rundherum um Kuba registrieren zu lassen, sahen wir wenig Sinn in einer Rueckfahrt nach Havanna. Der einzig logische Hafen, der uns entweder ein Segelschiff zu anderen karibischen Inseln oder zurueck zum zentralamerikanischen Festland bescheren wuerde, war Cienfuegos.

Beim ersten Anlauf in der Marina von Cienfuegos hatten wir kein Glueck. Die meisten Boote hatten andere Reiseziele als die karibischen Inseln oder aber konnten bzw. wollten uns nicht mitnehmen. Das groesste Segelschiff WILD TIGRIS (www.wildtigris.com), mit einem 30 Jahre jungen, franzoesischen, weiblichen! Kapitaen, war auf der Suche nach einer Crew fuer Mitte Maerz mit dem Reiseziel British Virgin Islands. Da wollten wir hin, da es aber erst Anfang Februar war, also noch eine lange Zeit vor uns lag, war es fraglich, ob wir dann noch da sein wuerden. Wir tauschten unsere Kontaktdaten und wir einigten uns in Kontakt zu bleiben.

An diesem ersten Tag trafen wir auch ein bereits pensioniertes, englisches Ehepaar, das seit einigen Jahren mit ihrem Segelboot SENTINEL auf den Weltmeeren unterwegs waren. Sie meinten, “Wir koennen uns das Leben als Pensionaere in England nicht leisten und da es eh viel schoener ist die Welt zu erkunden, haben wir uns fuer ein Leben auf dem Wasser entschieden.” Wir waren beeindruckt und gluecklich wie Schneekoenige, wieder und wieder auf solch lebens- und abenteuerhungrige Menschen zu treffen. Wir genossen die Zeit mit Ihnen auch am folgenden Tag und haben uns seitdem nicht mehr wiedergesehen. Aber wer weiss, die Welt ist klein!

Auf dem Weg zu unserem zweiten Besuch in der Marina, hielt Efraid uns am Malecon (Promenade) an. Er war Angestellter in der Marina und kam uns auf dem Fahrrad entgegengeradelt. Er hatte von unserer Suche nach einem Segelboat erfahren und bot uns an mit einem franzoesischen Kapitaen, der bald nach Martinique (franzoesische Insel im Westen der Karibik) aufbrechen wollte und definitiv Platz im Boot hatte, Kontakt aufzunehmen. Efraid kannte den Bootsbesitzer, da dieser mit einer kubanischen Frau verheiratet war und nach kubanischen Gesetz alle drei Monate das Land verlassen musste, um neu einreisen zu koennen.

no images were found

Wir vereinbarten ein Treffen fuer den Nachmittag vor dem Busbahnhof. Als Efraid eintraf erklaerte er uns, dass der Franzose fuer den heutigen Tag nicht mehr erreichbar war. Es bestand trotzdem noch Hoffnung einer Mitfahrt, wir vereinbarten also telefonisch in Kontakt zu bleiben. Da Efraid etwas herumdrucksend dastand kam uns die Idee, dass er vielleicht Geld fuer seine Vermittlungsaktivitaet haben wollte. Wir boten ihm also 5 Dollar, die er aber mit vielen Gesten ablehnte. “Nein, also das kann ich nun wirklich nicht annehmen! Wenn ihr fuer die Hilfe wirklich etwas bezahlen wollt, koennt ihr mir nach erfolgreichem Finden eines Bootes ein kleines Zubrot geben. Aber machen muesst ihr das auf keinen Fall.” Wir fuehlten uns unwohl ihm das Geld angeboten zu haben, aber sein abwartendes Verhalten nachdem wir bereits alles besprochen hatten liess nur diesen einen Gedanken zu.

Letztendlich kamen wir nicht mit dem Franzosen zusammen, da dieser kurzfristig Besuch von seiner Familie erwartete, mit der er auf eine Segeltour gehen wollte. Nun gut, es hiess also weitersuchen. Zumindest hatten wir mit Efraid aber einen Freund und Helfer fuer die weitere Suche nach einem Boot gefunden.

Wir gingen alle drei Tage zur Marina, nur um sicher zu sein, dass uns kein Boot entwischt. Zwischendurch riefen wir auch Efraid an, um vorher zu wissen ob sich der straffe, ellenlange Fussmarsch zur Marina auch lohnte. Es waren zwei Deutsche und ein Kanadier eingelaufen, die wir natuerlich befragten. Leider hatten zwei von ihnen keinen Platz und der Dritte, ein Deutscher auf einer 15 Meter langen Segelyacht, wollte uns nicht mitnehmen. Ausgerechnet er war aber zur Dominikanischen Republik unterwegs. Seufz.

Wir wurden schliesslich stutzig, ob unsere Entscheidung in Cienfuegos zu bleiben die richtige war. Wir versuchten Kontakt mit unserem alten Kapitaen Stuart aufzunehmen, von dessen Freund Ian wir bereits erfahren hatten, dass er nach Florida segeln wollte, um dort den Bootsmotor reparieren zu lassen. Wir konnten Stuart auf keinen der vielen Kommunikationswege erreichen, liessen also davon ab. Wir schrieben auch Emails an das deutsche Paaerchen Inge und Hans, die mit ihrem Catamaran von Kuba zu den Bahamas segeln wollten und die wir bereits in Havanna kennengelernt hatten. Doch auch von ihnen erhielten wir bis kurz vor unserer Abreise aus Kuba keine Nachricht.

Hinzu kamen unsere Bedenken, dass unser Idee von Kuba entlang der karibischen Inseln bis nach Venezuela zu segeln ueberhaupt machbar war. Wir wussten mittlerweile, dass der Wind fuer eine Segelreise von West nach Ost, also von Kuba in Richtung British Virgin Islands, sehr unguenstig stand. Auch die Stroemung war nicht ideal zum Segeln. Wegen dieser Naturbedingungen segeln auch 98 Prozent der Boatsbesitzer vom Osten in den Westen. Viele Kapitaene, die wir zwecks einer Mitfahrgelegenheit fragten, steuerten fast ausschliesslich das Festland, also Mexiko, Guatemala oder Panama an. Wir zogen also von nun an auch das Festland in Erwaegung, um Kuba auf dem Seeweg – und damit per Anhalter – verlassen zu koennen.

Wir blieben also in Cienfuegos und schauten weiterhin regelmaessig in der Marina vorbei. Einen Morgen trafen wir auf einen Italiener, der gerade mit Luis, einem Franzosen, nach Cienfuegos gekommen war. Der Italiener stellte uns Luis vor und wir vereinbarten ein Treffen fuer den Abend, um ueber eine Mitsegelgelegenheit zu plaudern. Prinzipiell schien es kein Problem zu geben, mit Luis nach Jamaika oder gar Panama bzw. Ecuador, wo er hinwollte, zu reisen. Am Abend trafen wir uns in einem kubanischen Cafe. Wir plauderten ueber unsere Segel- und Reiseerlebnisse und hatten wirklich viel Spass. Die Kommunikation mit Luis war etwas schwierig, da er nur sehr wenig spanisch und kein englisch sprach. Wir hielten uns an den Italiener, der franzoesisch sprach und so fuer Luis uebersetzte. Wie aus heiterem Himmel legte LUis dann die Karten offen auf den Tisch: “Die Mitreise kostet 15 Dollar pro Person pro Tag”. Wir schluckten merklich. Luis fuehlte sich unwohl ueber seine Forderung, aber wir konnten unser Entsetzen schlecht verbergen. Es ist natuerlich verstaendlich, dass Luis, selbst auf seiner unendlichen Weltreise, ein Zubrot gebrauchen konnte. Wir blieben freundlich und meinten es uns zu ueberlegen, aber innerlich war uns bereits klar, dass wir unter diesen Bedingungen nicht mit Luis mitfahren wuerden. Am folgenden Tag sagten wir ihm ab, da wir endlich Glueck bei unserer Suche hatten.

Am gleichen Tag, an dem wir Luis kennengelernt hatten, sprachen wir morgens auch mit Cathy und Jean-Jaques (JJ, sprich: Schischi). Dieses franzoesische, pensionierte Zahnarztpaar war auf einer Weltreise und wollte nach Panama, um dort nach dem Durchqueren des Panamakanals auf die Galapagos-Inseln zuzusteuern. Wir verstanden uns auf Anhieb und wurden von den Beiden fuer Saft und Knabberei aufs Boot eingeladen. Ich fuehlte mich pudelwohl in Cathy’s and JJ’s Gegenwart und haette eine Mitfahrt am Liebsten gleich festgemacht. Aber wir hatten ja noch das Gespraech mit Luis am Abend. Nach dem etwas enttaeuschendem Treffen mit Luis standen wir am naechsten Morgen wieder vor Cathy’s und JJ’s Boot. Wir hatten uns am Vortag so gut verstanden, dass wir voellig vergassen, ueber die Bedingungen einer Mitfahrt zu reden. Wir erklaerten den Beiden, dass Luis viel Geld fuer eine Mitfahrt verlangte, was sie entsetzte. Cathy und JJ luden uns nun also endgueltig ein, mit ihnen nach Panama zu segeln. Einzige Bedingung: jeder kommt fuer sein Essen selbst auf. Wir stimmten selig zu und vereinbarten eine Bootsbesichtigung und eine Vorstellung beim Marinekapitaen fuer das kommende Wochenende.

no images were found

Das Segelboot von Cathy und JJ war einzigartig. Eine Nussschale von 14 Metern Laenge, mit drei Schlafkabinen, zwei Toiletten, einer Kueche mit selbstbalancierendem Herd, einer tollen Essbank in der Mitte des Bootes, einer Wasserzubereitungsanlage (die aus Salzwasser Trinkwasser herstellt!), vielen Fenstern und absolut sauber. Unsere Kabine lag im vorderen Teil des Bootes, hatte ein grosses Bett und eine eigene Toilette. Das Boot war ein Traum. Alles war blitzeblank und hatte seinen bestimmten Platz. Wir fuehlten uns wie in einem Haus, aber nicht wie auf einem Boot. Wir klatschten vor Freude in die Haende. Das anschliessende Gespraech mit dem Marinekapitaen verlief gut. Wir mussten je Person 15 Dollar fuer die Aufnahme in der Marine zahlen und konnten so auf die Crew-Liste gesetzt werden. Wir vereinbarten unseren Einzug ins Boot fuer den kommenden Tag, meinen Geburtstag!!! Nach unseren ersten vergeblichen Versuchen in Kuba ein Boot zu finden, hatte ich keine 1,5 Wochen zuvor gesagt: “Zu meinem Geburtstag will ich ein Segelboot gefunden haben, dass uns aus Kuba wegbringt.” Mein Traum war auf den Tag genau in Erfuellung gegangen!

no images were found

Am Sonntag, den 18. Februar 2007, zogen wir ins Boot. Wir legten unsere Rucksaecke nur fix ab, da wir noch zum Markt mussten, um uns fuer die Reise einzudecken. Da es Sonntag war fand der Markt auf einer grossen Strasse statt. Statt aber wie im sonstigen Obst- und Gemuesemarkt einfach die Staende abzuklappern und einzukaufen was das Herz begehrte, hiess es hier stundenlang anstehen und fuer ein paar Moehren und Gurken zu kaempfen. Die Strasse war voller LKWs, um die sich Scharen von Menschen tuemmelten. Es gab an jedem LKW eine Schlange, die aber selbst fuer Kubaner uneinsehbar war. Wann auch immer jemand zum LKW kam, ertoente die Frage, “Wer ist der Letzte?” Statt das sich der Letzte einfach meldete, blieben die Muender der bereits Warteten geschlossen. Keiner wollte offiziell der Letzte sein, sonst koennte man sich ja nicht mehr vormogeln, was andauernd passierte. Wollte jemand aus der Reihe tanzen und sich klammheimlich von der Seite zum Lastwagen vorschmuggeln, ging ein riesiges Theater los.

I: Stell dich gefaelligst hinten an!
II: Was willst du denn von mir, haeh?
I: Hier gibt es eine Schlange. Benimm dich und stell dich hinten an, ich warte hier nicht umsonst seit 8 Uhr morgens! (Uhrzeit: 12:00 Uhr)
II: Spiel dich bloss nicht so auf! Ich war die ganze Zeit hier! Ich war nur Kartoffeln besorgen und du machst hier so einen Aufriss!
I: Kartoffeln besorgen, wenn ich nicht lache! Draengelst dich hier einfach rein! (Stimme schlaegt zum Schreien um und die Arme schwingen in heftiger Aufruhr) Schau dir die Leute hier an, die stehen hier seit Stunden! Da!, die alte Dame, schau sie dir an. Und hier die Mutter mit Kleinkind. Alle haben sie Manieren und warten geduldig in der Reihe und du Arschloch kommst hier einfach reingeschissen und denkst du kriegst noch die letzten Gurken. Nichts da!!!
III: Ja, genau! Es gibt nicht mehr viele Gurken, wir haben ein Recht die Letzten zu bekommen. Scher dich bloss weg hier!
IV: So eine Frechheit, der hat Null Manieren!
V: (schmuggelt sich an “I” (nahe am Lastwagen) heran, tippt sie an die Schulter, drueckt Geld und Beutel in ihre Hand und sagt) Zwei Kuerbise bitte. (“I” akzeptiert und wettert weiter gegen “II”)

Diese Szenen spielten sich ueberall ab und zogen einen mitten hinein ins Geschehen, bis man endlich den Stand nach Erhalt der Ware (bzw. was davon uebrig war) verlassen konnte. Es war

no images were found

ueberall das Gleiche, egal ob es um Orangen, Bananen, Blumenkohl oder sonstiges geht, die stundenlange Prozedur des Wartens, der Ungewissheit am Ende das begehrte Lebensmittel zu bekommen, das Aufhitzen der Gemueter, die Schwindler und Sichvordraengler, wiederholt sich an jedem LkW. Voellig geschafft von unserem, nach drei Stunden Warten und Kaempfen um die Lebensmittel, spaerlichen Einkauf, machten kehrten wir zur Marine zurueck.

Dort angekommen verteilten wir unsere Essensschaetze im Boot. Wir verstauten all unsere taeglichen Gebrauchsgegenstaende in den Faechern unter dem Bett und legten die Rucksaecke in der dritten Kabine, dem allgemeinem Abstellraum, ab. Waehrend dieser Prozedur wurde mir ganz anders im Magen. Der Wellengang an diesem Morgen war so stark, dass es die ganze Marina zum Wackeln brachte. Die Boote schwangen im 30 Grad Winkel von einer zur anderen Seite. Das war zuviel fuer mich und so verliess ich das Boot lieber umgehend, bevor es zu spaet war. Diesmal

no images were found

nahm ich eine Seekrankheitvorbeugungstablette, da ich nicht den Tag ueber auf der Toilette verbringen wollte. Nach zwei Stunden auf dem Festland und mit Wirkung der Tablette ging es mir wieder gut, so dass ich unser erstes gemeinsames Essen auf dem Deck vor unserem Boot Cheeka-Bay richtig geniessen konnte.

Die Abreise war fuer den 19. Februar geplant, fand aber erst am 20. statt, da noch unsere Gasflaschen fuer den Herd aufgefuellt werden mussten. Das war schwierig, da es fuer europaeische Standardflaschen keine passenden Adapter in Kuba gibt. Der Adapter musste erst angefertigt werden, was auch in wahrlich letzter Minute geklappt hatte. Jetzt konnten wir uns beruhigt auf den Weg machen.

Kommentare