Affenhitze und Todeskälte (7.5. – 8.5.2008)

Mai 13, 2008  
Themen: Chile

Mittwoch morgen hieß es frühzeitig aufstehen, denn wir wollten es bis Pica, einer Oase 115km südlich von Iquique in Chile, schaffen. Das Aufstehen fiel diesmal besonders schwer, wußten wir doch, wie sehr wir in Nilce’s Haus willkommen sind. Während unserer Aufbruchvorbereitungen ertönte einige Male der Satz, “Wir können auch noch einen Tag hier bleiben…” Doch letztendlich wollten und mußten wir auch weiter, schließlich wartete bereits in San Pedro de Atacama eine Aufgabe auf uns. Schweren Herzens ließ uns die Familie ziehen. Nilce beschenkte uns sogar noch mit je einem Perlenarmband und Fußpuder, um unsere bald strapazierten Füße versorgen zu können.

Um es diesmal einfach zu machen, nahmen wir für 3 Soles (€ 0,70) ein Taxi bis zum Busbahnhof. Dort hatten wir leider etwas Pech, denn der Bus war bereits voll und wir mußten demnach auf den nächsten warten. Eine halbe Stunde später ging es auch für uns endlich nach Chile.

Der Grenzübergang klappte wie bisher ohne Probleme. Einzig die Tatsache, dass wir uns wegen der in Augustas Hosentasche befindlichen Nüssen als Schmugler fühlten, lief alles glatt. Eigentlich ist es verboten, Esswaren nach Chile mitzunehmen. Als Augustas bei der Gepäckkontrolle dann plötzlich gefragt wurde, was er in den Hosentaschen hat, sahen wir unsere Nüsse schon im Eimer landen. “Meinen Sie diese Taschen?”, fragte Augustas und zeigte unschuldig auf seine Seitentaschen. “Hier habe ich nur Papier”, ergänzte er und holte alles nacheinander hervor. Damit gaben sich die Grenzkontrollen zufrieden und ließen ungewollt mit unseren Nüssen ziehen.

In Arica erledigten wir schnell einen Vorratseinkauf und los ging’s zu unserem Trampplatz am Ende der Stadt, direkt hinter einer Shell Tankstelle. Dort verbrachten wir erstaunliche 3,5 Stunden, ohne auch nur ein einziges Auto zum Anhalten bewegt zu haben. Hatten wir das letzte Mal in Arica einfach nur verdammt großes Glück gehabt oder standen die Sterne diesmal schlecht?

no images were found

Mir kam eine Idee. “Laß uns ein Schild mit der Aufschrift Antarktis machen!” Voller Genialitätseifer versuchte ich Augustas für diese Aktion zu gewinnen, doch der ließ mich zappeln. Ich ging also zum Parkplatz, fand im Dreck ein Stück alte Pappe, wusch es in der Toilette des Tankstellenrestaurants und kam noch immer überzeugt von meiner Idee zurück. Augustas schüttelte nur mit dem Kopf, hatte mir aber dennoch den Faserstift bereitgelegt. Mein Übereifer ließ mich einen Buchstaben vergessen, den ich am Ende gekonnt ersetzte. Fertig mit der Malerei hielt ich das Schild schließlich hoch. Augustas fand das alles gar nicht so lustig, doch ich konnte mich vor Lachen kaum noch halten. Natürlich mußte ich das irgendwie verbergen, sonst würde kein Fahrer uns je glauben. Mein Grinsen von einem Ohr zum anderen verriet aber nahezu all meine innere Gefühlswelt. Die Reaktionen der Autofahrer war herrlich. Von verursachten Lachanfällen, erstaunten Blicken und Leuten die andeuteten, dort auf jeden Fall nicht hinzuwollen, gab es wirklich alles.

Endlich fand auch Augustas Gefallen an dem Schild und wer hätte es gedacht, eine halbe Stunde später saßen wir in einem Auto. Uns hatten zwei professionelle Fischfänger aufgelesen, die auf dem Weg nach Camaron waren. Kaum saßen wir im Auto, gaben die Jungs uns getrocknete Pflaumen. Wir hatten unheimlichen Spaß mit diesen hünenhaften Witzbolden. Dann legte der Beifahrer eine CD auf mit einem fantastischen Lied auf, dessen Titel und Herkunft ich leider nicht weis;z. Aber soviel, ein besseres Lied hätte in dem Moment gar nicht spielen können, wo wir die endlose Wüste entlangdüsten. Ich kam mir vor wie in einem Traum und irgendwas sagte mir, dass wir mit diesem Schild vielleicht doch irgendwann ans Ziel kommen werden – zur Antarktis.

no images were found

no images were found

In Cuya bot sich uns gleich eine neue Mitfahrgelegenheit nach Iquique. Wir entschieden, uns in Humberstone heraussetzen zu lassen, um dort die Nacht im Zelt zu verbringen. Der Fahrer hörte die ganze Zeit klassische Musik und erklärte uns später, dass sein Sohn Konzertpianist in Santiago sei. Obwohl die Musik wirklich wohlklingend war, führte sie bei der mittlerweile vorherrschenden Dunkelheit bei uns zu einem Erschöpfungsschlaf. Spätestens als unsere Köpfe nach vorne und hinten knickten, erinnerten wir uns daran, dass wir uns aus Anstand lieber wieder wachrütteln sollten. Am Ende dieses Tages war das alles andere als leicht.

In Humberstone fanden wir eine dunkle Ecke, die sich fürs Zelten nur so anbot. Der einzige Nachteil war, dass sich nicht weit von dort eine Art Parkplatz befand, wo regelmäßig ein Auto oder LKW anhielt. Das hielt mich die halbe Nacht wach, obwohl ich hundemüde war. Irgendwann verstand ich, dass es weniger die anhaltenden Autos waren, sondern mehr die Kälte, die mich nicht schlafen ließ. Selbst Augustas, der sonst immer wie ein Ofen funktioniert, wachte vor Kälte zitternd auf. Nachdem wir uns warm eingepackt hatten, krochen wir beide so weit in die Schlafsäcke, dass nicht einmal mehr unsere Nasen herausschauten. Die froren bei den niedrigen Temperaturen nämlich sofort ein. Wenn auch nicht lange, eine kleine Mütze Schlaf bekamen wir damit auf jeden Fall.

Morgens hieß es ohne Frühstück weitertrampen. Wir schafften es recht schnell bis La Tirana, einem Dorf, dass für sein jährliches, im Juli stattfindendes, religiöses Fest der “Virgen de la Carmen” (Jungfrau der Carmen) bekannt ist. Das Fest dauert jeweils eine Woche und verwandelt das verschlafene 1000 Seelendorf in eine 300.000 Teilnehmer zählende Feiergesellschaft.

no images were found

Um sicher zu sein, dass wir die Kirche kennenlernen, ließ uns der Fahrer am Plaza heraus, dem Mittelpunkt La Tiranas. Nach dem Erkunden des alten, faszinierenden Kirchengebäudes, fanden wir im Schatten einiger Bäume einen gemütlichen Platz zum Frühstücken. Unsere Brötchen mit Marmelade und Äpfeln mochten auch die Straßenhunde, die wir nur mit Mühe von uns fernhalten konnten. Nachdem sie verstanden hatten, dass mit Nase in den Marmeladentopf stecken nichts drin ist, blieb nur noch einer zurück, der mit entsprechender Mimik darauf wartete, uns weichklopfen zu können.

no images were found

Doch wir siegten über seinen Mitleid erweckenden Gesichtsausdruck.

Wir liefen ans Ende von La Tirana, um zwei Stunden später auf der Ladefläche eines Pick-Up mitgenommen zu werden. Eigentlich nichts ungewöhnliches für uns, doch in Chile scheint diese Reiseform von der Polizei nicht gern gesehen.

no images were found

In Pica griff Augustas die Idee von argentinischen Trampern auf, beim lokalen Radiosender eine Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit aufzugeben. Während wir noch dabei waren, die Details dem Radiosprecher Exequiel zu diktieren, meinte der plötzlich, “Wartet mal. Ich glaube, ich könnte euch bei mir unterbringen. Ich muß nur Rücksprache mit meiner Frau halten und meine Arbeit hier erledigen. Kommt doch einfach in 40 Minuten wieder und dann fahren wir zu mir.”

Verblüfft und erfreut, dass es so einfach geklappt hatte, gingen wir erst einmal ins Internet. Das ist in Pica mit 600 Pesos (€ 1) pro Stunde zwar reichlich kostspielig, aber für uns einfach notwendig.

Zur vereinbarten Zeit zurück, beluden wir Exequiels Auto mit unserem Gepäcks. Schließlich nahmen auch wir im Ofentemperatur aufgeheizten Wagen Platz. Ich mußte mich hinten hineinzwängen, wo nach kurzer Zeit mein Herz unkontrollierte Schläge ausübte. Das war einfach zu viel für meinen Körper. Von mässigen Temperaturen um die 22 Grad mit Wind, zu stundenlanger Aussetzung der Sonne, einer Nacht bei Minustemperaturen, der stehenden, 30 Grad heißen Luft Picas und dann auch noch in einem Auto, dass mindesten
s mit 60 Grad glühte und kein Lüftchen in den hinteren Teil des Autos ließ. Exequiel hielt kurz an einem Haus und bat uns zu warten. Ich stürzte sogleich aus dem Backofen, denn ‘Luft!’ war mein einziger Gedanke.

no images were found

Exequiels Haus ist ein altes, ziemlich verrottetes Gebäude, das er gerade einer Renovation unterzog. Er und seine Frau Gisela haben das Haus erst vor kurzem angemietet, und freuen sich schon auf den Umzug. An ihrem bisherigen Haus gefällt ihnen vor allem die Lage nicht. Da Pica nur 400 Einwohner hat, wird man laut Gisela in der Gegend ihres jetzigen Hauses ständig beobachtet. Jeder weiß alles über jeden und so richtig entspannen kann man sich dabei ihrer Meinung nach nicht. Zudem hat der neue Wohnsitz den Vorteil, dass Gisela hier ihrer Tätigkeit als Verkäuferin ganzjährig nachgehen kann. Der Plan sieht so aus, dass ein Zimmer zum Leben hergerichtet wird und das andere eine Art Restaurant im alten Stil werden soll. Vor dem Haus wollen sie frisch gepresste Fruchtsäfte verkaufen und später im Garten noch ein Freiluftkaffee einrichten, wo sich die Gäste unter Sonnenschirmen den Tag vertreiben können. Dazu soll es noch einen Garten geben, wo die Familie ihre Frischwaren selber züchten, Hühner und Hasen halten und später vielleicht noch eine Art Campingplatz für die Besucher der Cochas (Thermalbäder), für die Pica bekannt ist, herrichten kann.

Exequiel bot uns an, im Garten zu zelten. Nachdem wir uns ein wenig umgeschaut hatten, baten wir unsere Matratzen in den leeren Raum neben der Toilette legen zu können, da uns dies den Zeltaufbau ersparte. Statt uns dort schlafen zu lassen, boten er und Gisela sofort an, lieber in ihrem jetztigen Wohnzimmer auf der Ausklappcouch zu nächtigen. Glücklich blinzelten wir uns an.

Nach dem Essen erfreuten wir uns an der lauwarmen Dusche, dessen Wasser aus den Thermalquellen stammt. Auch wenn es in Pica nach den 30-35 Grad heißen Tagen nachts abkühlt, ist die kalte Dusche um die Abendzeit bei weitem nicht mit dem Eisbad zu vergleichen, das wir nur alle zwei Tage in Tacna, Peru, über uns ergehen ließen. Dort glich die Dusche einem Bergwasserfall, bei dem man am besten nicht nachdachte, dass das fallende Nass kalt ist. Sonst hätten uns keine zehn Pferde da jeden zweiten Tag zu einer Körperreinigung hineinbekommen.

no images were found

Den Abend nutzten wir, um Pica ein wenig besser kennenzulernen. Wir schauten in der 1877 erbauten Kirche vorbei, schlenderten durch den wunderschön begrünten Zentralpark und endeten auf einer der anheimelnden Parkbänke, um unser Abendpicknick zu genie;ßen. Faul und müde genossen wir die ruhige Atmosphäre und wären bei dem leise vor sich

no images were found

hinplätschernden Springbrunnen fast auf Ort und Stelle eingeschlafen.

Als wir zurück kamen, war die ganze Familie noch am Werkeln. Die Haus braucht neue Deckenbretter, muß verputzt werden und natürlich darf der Anstrich nicht fehlen. Zwischendurch tobte mit viel Krach Darjhan, der fünfjährige Sohn. Er ist sehr aufgeweckt und war wegen unseres Besuches dermaßen überdreht, dass er seine Macht verbal und körperlich zur Schau stellte. Die Eltern ließen ihn gewähren, war das Verhalten doch von der Situation abhängig.

no images were found

Bei einen ausgedehnten Spaziergang durch Pica besuchten wir die wunderschöne Cocha Reveladero, deren glasklares Wasser sich inmitten von Felsblöcken ansammelt und dort für Thermalbadlustige zur Erholung bereitsteht. Die Cocha Reveladero zog mich regelrecht in ihren Bann. Hätte man sie nicht bereits privatisiert und würede dafür 1000 Pesos (€ 1,80) Eintritt verlangen, wäre meine Haut nicht lange trocken geblieben. Die Cocha Concova war dagegen ohne Eintritt benutzbar. Der Weg dahin war allerdings steinig und super anstrengend wegen der

no images were found

Hitze. Die Mitnahme des Regenschirms als Sonnenschutz hatte sich gelohnt, denn ohne ihn hätte ich es bei der hier vorherrschenden, nahezu agressiven Sonneneinstrahlung nicht bis zur Cocha geschafft. In Concova stellen wir enttäuscht fest, dass das Wasser nahezu Stillstand hatte. Die Lust hineinzuhüpfen verließ uns, denn stehendes Wasser ist nicht die beste Badegelegenheit. Ein urkomisches Paar störte sich daran hingegen wegen. Der Herr lief in kurzer Hose, sein T-Shirt in der Hand, sein halblanges Haar zerzaust in alle Richtungen stehend und sein wohlgebräunter und -genährter Bauch fröhlich voranwippend den Berg zur Cocha hinunter. Hinter ihm her schwebte eine Dame in einem indischen Gewand, mit feuerrotem Haar und einem dem Gang zum Wasser unterstützenden Wüstensingsang. Kannten die beiden vielleicht eine Stelle in Concova wo das Wasser in Bewegung war? Wir wären gerne hinterhergeschlichen, da sie sich aber allein glaubten, nahmen wir davon Abstand. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hätten wir sie sonst nackend erwischt, da das Paar uns sehr an die Blumenkinderzeit der 70er Jahre erinnerte.

Nach so viel Erkundungsgängen gönnten wir uns das kostenlose Internet, was Collahuasi, ein Minenunternehmen, in Pica zur Verfügung stellt.

Im Haus amüsierten wir uns über Nachbars Kater, der im Nebengrundstück einen Baum erklamm. Den getigerten Kater tauften wir sogleich Garfield, da seine Kletterkünste unglaublich witzig wurden, als er versuchte, den Baum wieder hinunterzukraxeln. Die Sorge um das heile Ende dieser Aktion stand ihm klar und deutlich ins Gesicht geschrieben. Letztendlich blieben sicher ein paar Krallen in der Baumrinde stecken. Später am Abend sorgte Garfield mit seinem unerwarteten Auftauchen in unserer Toilette für Furore. Garfield hatte sich heimlich ins Badezimmer geschlichen und war, als Augustas plötzlich auftauchte, mit solch einer Geschwindigkeit aus dem Bad geflitzt, dass Augustas vor Schreck das Herz in die Hose rutschte. Schweratmend und mich zum Lachen bringend flüchtete auch Augustas daraufhin zurück ins sichere Wohnzimmer.

no images were found

Kommentare