{"id":470,"date":"2006-05-18T20:00:00","date_gmt":"2006-05-18T18:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/followtheroad.com\/de\/ungerechtigkeiten-und-geheimagenten\/"},"modified":"2006-05-18T20:00:00","modified_gmt":"2006-05-18T18:00:00","slug":"ungerechtigkeiten-und-geheimagenten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/followtheroad.com\/de\/ungerechtigkeiten-und-geheimagenten\/","title":{"rendered":"Ungerechtigkeiten und Geheimagenten (M\u00e4rz 5-7)"},"content":{"rendered":"<p>Unser Abreisetag gestaltete sich anfangs etwas beschwerlich. Ich hatte nun zwar eine Trage f\u00fcr meinen Rucksack, die wirklich gut war, allerdings wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie der Rucksack am besten auf die Trage geschnallt werden musste, um problemlos transportiert zu werden. Da wir beide nicht so recht schl\u00fcssig waren, ob wir nun mit dem Bus ein St\u00fcck aus dem Ort herausfahren, oder wie gewohnt einfach lostrampen sollten, liefen wir letztlich zwei Stunden durch eine br\u00fctende Hitze. <\/p>\n<p>Irgendwann, meine H\u00e4nde schmerzten schon vom Hinterherziehen der Trage, fuhr ich mir selbst auf dem unebigen Gel\u00e4nde die Trage in den Hacken. Tat das WEH! FUH! Ich konnte mich dann einfach nicht mehr halten und heulte erstmal drauf los. Warum musste ich es denn immer so schwer haben? Da hab ich nun so gek\u00e4mpft, dass ich endlich meine seit drei Jahren ersehnte Reise um die Welt antreten kann und was passiert? Ich bin nicht f\u00e4hig in ordentlicher Trampermanier meinen Weg durch die Welt zu machen. Ja, ich bin ja noch nicht einmal f\u00e4hig meinen Rucksack HINTER MIR HERZUZIEHEN! Mann! Hatte ich die Nase vielleicht voll! Warum bitte immer ich? Warum ausgerechnet jetzt, nachdem ich schon monatelang w\u00e4hrend meiner Diplomarbeit unter diesem Muskelproblem gelitten hatte? Warum immer noch? Geht das denn nie zu Ende? &#8230; Augustas schaffte es dann mich einigermassen zu beruhigen und mir die positiven Dinge aufzuz\u00e4hlen, die ich ja trotz alledem erlebte. Nun gut, ich liess mich davon beeinflussen und wir setzten laufend unseren Weg fort. Augustas ging schon mal vor, damit wir bei meinem Oma-tempo nicht ein m\u00f6gliches Transportmittel verpassen. Die Sache war n\u00e4mlich ausserdem, dass ich nur direkt auf der dreispurigen Strasse laufen konnte, was aber den ganz rechts Fahrenden ein Dorn im Auge war. Da ich mich durch Zufall von einem dieser rasenden Karrosserien aufgabeln lassen wollte, musste ich immer die Ampelphase abwarten. Alle Autos vorbei? Gut, dann rauf auf die Strasse. Eine Minute hatte ich freie Bahn, dann kamen diese Blechk\u00e4sten wieder angerollt. Schnell \u00fcber die Bordsteinkante h\u00fcpfen, die Trage parallel dazu heranziehen und abwarten. Es gab einen &#8220;Fussweg&#8221;, der aber voll gestopft mit Steinen war. Also nicht wirklich eine Alternative. <\/p>\n<p>Kaum bei Augustas angekommen, hielt auch schon jemand an und nahm uns gleich mal bis Tulum mit. Kaum ausgestiegen am Ende von Tulum, kurze Zeit wartend und dabei Bananen und Birnen vertilgend, hielt ein Herr an und wir sprangen ins n\u00e4chste Gef\u00e4hrt. Das ging ja wirklich Schlag auf Schlag! Und diese Fahrt war eine der interessantesten, die wir auf unserer bisherigen Reise hatten. <\/p>\n<p>Wir fuhren im Auto eines Geheimagenten, der in Mexiko war um Mafia-Agenten aufzusp\u00fcren. Er ist Kanadier, der im Auftrag der USA arbeitet. Er war in vielen L\u00e4ndern im Einsatz, so zum Beispiel im Irak, in Somalia, in Nicaragua&#8230; Ich weiss seinen Namen nicht mehr, da ich aber eh nicht sicher sein kann, dass dieser der richtige war, ist das halb so schlimm. Wir kamen uns vor wie im Film. Er erkl\u00e4rte uns, dass nicht mal seine Familie weiss wo er gerade ist und er diese Form von Arbeit bereits seit dreizehn Jahren macht. Er hatte seine Familie schon seit neun Jahren nicht mehr gesehen und wenn er dies wollte, m\u00fcsste er unter riesigen Sicherheitsvorkehrungen eingeflogen werden. Nichts durfte \u00fcber ihn bekannt werden, da er viel wusste und seine Familie sonst in Gefahr geraten w\u00fcrde. Was aber noch schwieriger vorzustellen ist, ist die Tatsache, dass er zu keinem anderen Menschen einen n\u00e4heren Kontakt aufbauen darf. Das heisst, sobald die Leute, wo auch immer er gerade lebt, anfangen Fragen zu stellen und sich f\u00fcr ihn zu interessieren, muss er den Ort verlassen. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden. Wahnsinn, dachten wir. Kann sich einer vorstellen so zu leben? Er will aber bald damit aufh\u00f6ren. Das bedeutet dann, dass er eine neue Identit\u00e4t annehmen muss, damit er irgendwo irgendetwas arbeiten kann und problemlos sein Leben gestalten kann. Nun, problemlos&#8230;, mit dieser Vergangenheit, der &#8220;falschen&#8221; Identit\u00e4t&#8230; <\/p>\n<p>Da unser Fahrer eine intensive Ausbildung im Dschungel absolviert hat, quasi \u00dcberlebenstraining, konnten wir endlich unsere Fragen zum \u00dcberleben im Dschungel loswerden. Es interessierte uns n\u00e4mlich brennend, diesen zu betreten. Ich fragte nach Pflanzen, Fr\u00fcchten und Wurzeln die man eventuell essen kann. Da musste ich entt\u00e4uscht h\u00f6ren, dass es nicht viel zu essen in dem mexikanischem Duschungel gibt; zumindest in dem auf der Yucatan Halbinsel. Des weiteren fanden wir endlich das Geheimnis der Einheimischen heraus, wie man den Biss einer giftigen Schlange \u00fcberlebt. Wir hatten zuvor schon davon geh\u00f6rt, in solch einem Fall die Wunde aufschneiden zu m\u00fcssen und das Gift herauszusaugen. Da meldete sich unser Fahrer aber mit der Warnung, dass wenn man Karies hat, derjenige, der den anderen mit dem Heraussaugen des Giftes \u00fcberleben helfen will, mit t\u00f6dlicher Sicherheit am Ende dem Leben entsagen wird. Ich dachte, dass passiert nur bei Wunden, da lag ich aber etwas daneben. Wie soll man auch wissen, dass man gerade Karies hat? Es ist also nicht wirklich eine Option, um beide am Leben zu halten. Unser Fahrer erkl\u00e4rte uns dann, dass das Geheimnis Holzkohle w\u00e4re. Sobald eine Schlange zubiss, m\u00fcsste man so schnell wie m\u00f6glich Holzkohle ESSEN! Und zwar wirklich schnell, da der Biss einer der giftigsten Schlangen einen Menschen in wenigen Minuten t\u00f6ten kann. Ich begann dar\u00fcber nachzudenken, wo wir Holzkohle herbekommen k\u00f6nnten. Das aus der Absicht heraus, dass ich noch immer gerne einmal durch den Dschungel wandern wollte. Wir haben die Holzkohle bis heute nicht, allerdings haben wir auch etwas von der Idee Abstand genommen, so blau\u00e4ugig wie wir bez\u00fcglich dieser Sachen noch sind durch den Dschungel zu marschieren. <\/p>\n<p>Was macht man aber nun, um sich vor einem Schlangenangriff zu sch\u00fctzen? Einmal sollte man sich immer bewusst sein, dass Schlangen keine Menschenfresser sind. Sie wollen also gar nicht zubeissen, tun dies allerdings als Verteidigung, wenn man in ihr Revier eindringt und sie st\u00f6rt. Trifft man nun auf eine Schlange, sollte man versuchen langsam den R\u00fcckweg anzutreten. Wie unser Fahrer so sch\u00f6n meinte, entscheidet die Schlange was passiert. Hilfreich w\u00e4re aber, wenn man den mit sich getragenen Rucksack als Schutzschild verwendet. Der sollte zwischen Schlange und Mensch positioniert werden und dann sollte der R\u00fcckzug angetreten werden. Langsam und mit Vorsicht. Gef\u00e4llt das der Schlange nicht, wird sie den Rucksack angreifen und du kommst heil davon. Meist reicht es aber, sich soweit aus ihrem Revier zu entfernen, dass sie sich ungest\u00f6rt f\u00fchlt und wieder ihrer eigentlichen Jagd nachgehen kann.<\/p>\n<p>Uns wurde auch erkl\u00e4rt, dass Skorpione gar nicht so schlimm seien, solange wir nicht an den Kleinsten geraten. Der Kleinste unter den Skorpionen ist fast durchsichtig und kann sein Opfer, auch einen Menschen, in wenigen Sekunden t\u00f6ten. Auch auf diese Begegnung sind wir nicht gerade versessen.<\/p>\n<p>Da unser Fahrer in verschiedenen Kriegsgebieten im Einsatz gewesen ist, unter anderem im Irak, sprudelten unsere Fragen zu Bush, dem 11. September 2001 und dem Irakkrieg nur so aus uns heraus. Was er dar\u00fcber denkt, was andere Soldaten denken, was zu der Flugzeug-Katastrophe in den USA gef\u00fchrt h\u00e4tte usw. Viele Fragen, wenige Antworten. Er stand definitiv nicht hinter Bush, so wie viele der im Irak eingesetzten Soldaten. Auch wussten viele wie falsch der Einzug in den Irak war. Alle von ihnen wussten Bescheid \u00fcber die Drahtzieher, die Hintergr\u00fcnde. Keiner darf etwas sagen. Sie riskieren ihr Leben damit. Es kursiert ein Spruch unter ihnen: &#8220;You can fight the dog, but don&#8217;t wake up the dragon!&#8221; (Du kannst den Hund besiegen, aber wage es nicht den Drachen aufzuwecken!) Der Hund steht f\u00fcr Irak. Der Drachen f\u00fcr Asien.<\/p>\n<p>In Felipe Puerto wechselten wir wieder den Fahrer, diesmal innerhalb von zehn Minuten, und zwar zu einem schweizerischen Paar. Genauer gesagt waren es Mutter und Sohn, die sich auf einer vierw\u00f6chigen Reise durch Mexiko befanden. Die Mutter meinte, dass sie sich di<br \/>\nese Art zu reisen, also Auto leihen und jede Nacht woanders schlafen, nicht leisten k\u00f6nnte. Da sie aber von ihrem Sohn auf diese wunderbar aufregende Reise eingeladen wurde, genoss sie es in vollen Z\u00fcgen. Nun gut, fast. Die Klimaanlage funktionierte nicht und der Tacho zeigte keine Geschwindigkeit an. Das bedeutete dann zu schwitzen. Aber alles in allem, klingt das nicht toll? <\/p>\n<p>Wir unterhielten uns auf dieser Fahrt nicht sehr viel, da wir wie zwei Tomaten auf der R\u00fcckbank zwischen unseren Rucks\u00e4cken zusammengequetscht wurden. Kein Platz f\u00fcr die Arme, keine Bewegungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr die verkorst positionierten Beine, vorne, hinten, rechts und links an Gep\u00e4ck geschmiegt. Bei den hohen Aussen- und aufgrund der nichtfunktionierenden Klimanlage auch Innentemperaturen hiess es zudem nassschwitzen. Bis auf die Unterhose. Gl\u00fccklicherweise waren wir so einiges gew\u00f6hnt. An der Abzweigung Chetumal-Escarcega liessen uns die beiden dann wieder aussteigen. Trotz der kleinen Tortur waren wir ja froh, weitergekommen zu sein.<\/p>\n<p>Wir entschieden uns eine lange Pause zu machen. Das bot sich vor allem an, da wir uns im Schatten einer riesigen Br\u00fccke ausbreiten konnten und all unsere Leckereien, unter anderem selbstgemachte Gem\u00fcseburger, mit Genuss vertilgen konnten. Kaum hatten wir das Essen beendet und hielten den Daumen heraus, kam wieder unser Geheimagent angebraust. Er stoppte mit quietschenden Reifen und schwups ging es f\u00fcr uns in die N\u00e4he der Grenze. Dort lud uns dann ein fetziger Jugendlicher auf, der in seinem Mini-Auto wirklich eine luxuri\u00f6se Ausstattung aufwies. Es fehlte noch nicht einmal der Fernseher, auf dem gerade ein sexy Musikvideo abgespielt wurde. Ich konnte mir das Grinsen kaum verkneifen. Wir wurden gl\u00fccklicherweise nur f\u00fcnf Minutem dem dr\u00f6hnenden Musikbeat ausgesetzt, da wir dann schon an der Grenze waren.<\/p>\n<p>Wir machten uns ein wenig Sorgen, ob die Grenzbeamten unsere Lebensmittel &#8211; Obst, Gem\u00fcse, selbstgekochtes und -gebackenes &#8211; einkassieren w\u00fcrden, was aber letztlich nicht der Fall war. Im Gegenteil. Wir passierten die Grenze und mussten noch nicht einmal zeigen, was wir in unserem kleinen Tagesrucksack hatten. Unser Gl\u00fcck war vielleicht auch, dass wir mitten in eine Meute von Touristen kamen, die an der Grenze aus dem Bus steigen und ihr Gep\u00e4ck selbst durch die Grenze bringen mussten. Da gingen wir zwei wohl als zugeh\u00f6rig mit durch. Sp\u00e4ter h\u00f6rten wir dann, dass diese Grenzbeamten mit Freude alles m\u00f6gliche konfiszieren, vor allem Fr\u00fcchte und Gem\u00fcse, so dass wir wohl wirklich Gl\u00fcck gehabt hatten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Abreisetag gestaltete sich anfangs etwas beschwerlich. Ich hatte nun zwar eine Trage f\u00fcr meinen Rucksack, die wirklich gut war, allerdings wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie der Rucksack am besten auf die Trage geschnallt werden musste, um problemlos transportiert zu werden. 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