{"id":420,"date":"2006-02-09T19:00:00","date_gmt":"2006-02-09T17:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/followtheroad.com\/de\/stolpersteine-und-oasen\/"},"modified":"2006-02-09T19:00:00","modified_gmt":"2006-02-09T17:00:00","slug":"stolpersteine-und-oasen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/followtheroad.com\/de\/stolpersteine-und-oasen\/","title":{"rendered":"Stolpersteine und Oasen (Januar, 29)"},"content":{"rendered":"<p>Um Merida zeitig zu verlassen und Carlos morgens noch Tsch\u00fc\u00df zu sagen, erforderte ein unsanftes, ruckartiges Erwachen. Statt langsam der H\u00e4ngematte zu entgleiten, nachdem man sich wach geschaukelt und ausgiebig ger\u00e4kelt hat, hie\u00df es an diesem Morgen kurz nach dem Augenaufschlag die Hose zu orten und in einem unbeobachteten Moment diese \u00fcber meine Beine zu ziehen. Das Problem war n\u00e4mlich, dass ich genau im Blickfeld von Carlos lag und nicht gern in Slip vor ihm gestanden h\u00e4tte. Ich sprang also regelrecht aus der H\u00e4ngematte und versuchte meinen K\u00f6rper irgendwie aufrecht zu halten. Nach einigen Minuten einpendeln klappte das auch, allerdings wollten meine Augen und mein Gehirn noch nicht wirklich aktiv werden.<\/p>\n<p>Dieser unsanfte Start in den Tag verfolgte mich dann auf Schritt und Tritt. Erst sorgte ich daf\u00fcr, dass wir zu fr\u00fch aus dem Bus ausstiegen, weil ich Triefnase vor mich hintr\u00e4umte, und wir deswegen bestimmt 20 Minuten mit unseren gewichtigen Rucks\u00e4cken bis zu unserem Ziel laufen mussten. Dann schlug Augustas vor, zum &#8220;Periferico&#8221; zu laufen, was so etwas wie der Autobahnring rund um Merida ist, da von dort aus die Chance auf ein Auto in unsere Richtung zunehmen w\u00fcrde. Bei meiner M\u00fcdigkeit war ich aber nicht gewillt soweit zu laufen. Als dann jemand anhielt, der zwar nach Uman wollte, aber definitiv bis zum Periferico fuhr, lie\u00df ich ihn ohne uns weiterziehen. Ich kam in meinem Zustand einfach nicht auf die Idee, dass uns dieser Herr zumindest zum Periferico mitnehmen k\u00f6nnte. Das war dann also das zweite Minus des Tages.<\/p>\n<p>Dann aber bekamen wir einen Lift zum Periferico von zwei M\u00e4dels und kurz darauf wurden wir zum ersten Mal von einem LKW-Fahrer mitgenommen. Wir kamen dann gegen 2 Uhr nachmittags 50km weiter in Hoct\u015bn an, wo uns ca. 30 Minuten sp\u00e4ter Marcelino aufgabelte und direkt zum &#8220;Convento&#8221; in Izamal (20km) brachte. Da er 1 Stunde sp\u00e4ter schon wieder Richtung Merida wollte, baten wir ihn uns wieder einzusammeln. Wir stiegen also frohen Mutes aus und Marcelino schlug uns vor, unsere schweren Rucks\u00e4cke im Wagen zu lassen. Ich fand das alles ganz toll, doch Augustas stimmte der Idee nur zaghaft zu. Trotzdem liessen wir die Rucks\u00e4cke im Wagen. Zu erw\u00e4hnen w\u00e4re, dass dieses Auto eine Art Transporter war, bestehend aus 2,5 Sitzen im &#8220;Cockpit&#8221; und einer Art Stall ohne Dach hinten drauf. Der &#8220;Stall&#8221; trug kein Schloss, doch war es meiner Ansicht nach in Ordnung das Gep\u00e4ck dort zu lassen. Marcelino ging dann quer hin\u00fcber zum Marktplatz, wo einer seiner Arbeiter an einem riesigen Erdbohrer stand (damit werden Strassen aufgerissen). Der Reifen war kaputt gegangen, weswegen Marcelino nach Izamal kam. Er brachte einen Neuen. Wir gingen dann noch einmal fix zu ihm hin\u00fcber um abzustimmen, wann wir uns wieder am Auto treffen. Er meinte: &#8220;In einer Stunde. Es kann sein, dass ich mal kurz wegfahre, ich komme dann aber wieder hierher um euch einzusammeln.&#8221; Gut, dachte ich, doch einige 10 Meter weiter \u00fcbermannte mich dann ein mulmiges Gef\u00fchl in der Magengegend. Ich vertraute Marcelino zwar, aber Augustas \u00c4u\u00dferungen gaben mir zu verstehen, dass wir gerade unser ganzes Hab und Gut auf einem unverschlossenem Wagen mit einer Person zur\u00fccklie\u00dfen, die wir ja eigentlich \u00fcberhaupt nicht kannten. Ich \u00fcberzeugte mich dann aber davon, dass ich an das Gute glaube und schon alles gut gehen w\u00fcrde. Klar h\u00e4tten wir die Rucks\u00e4cke noch fix holen k\u00f6nnen, doch wie h\u00e4tte das ausgesehen? Mh. <\/p>\n<p>Wir gingen also zum Convento hoch, was eine Art Kathedrale ist. Das Geb\u00e4ude erinnert drinnen an eine gro\u00dfe Kirche und draussen ist es von hohen, sch\u00f6n verzierten Mauern umgeben. Das ganze hat einen wundersch\u00f6nen gelb-wei\u00dfen Anstrich und leuchtet nur so, wenn man in den Himmel schaut. Als wir in den Convento eintraten, sprach uns pl\u00f6tzlich ein Herr an. Er war ca. 1m gross, hatte leichte Desformationen am R\u00fccken und eine etwas gespaltene Lippe. Er wirkte dennoch sehr sympatisch und fragte uns, woher wir kommen. &#8220;Aus Deutschland und Litauen&#8221;, sagten wir, woraufhin er meine rechte Hand nahm, und vom kleinen Finger anfing zu z\u00e4hlen: &#8220;Guten Morgen, Guten Tag, Guten Nacht.&#8221; Ich l\u00e4chelte und daraufhin fing er an uns lauter Sachen \u00fcber die Figuren und die Ausstattung der Kirche zu erz\u00e4hlen, zum Beispiel, dass die Goldverzierungen unecht w\u00e4ren. Beim Erkl\u00e4ren der Figuren nahm er pl\u00f6tzlich meine rechte Hand, legte sie an seine linke Brust und zeigte erst dann mit seiner rechten Hand auf &#8211; ich glaube &#8211; die Jesus Christus Figur. Dann fing er uns an herumzuf\u00fchren, da wir aber den leisen Verdacht hatten, dass er dies nicht f\u00fcr umsonst machen wird, entschuldigten wir uns mit der Wahrheit, dass wir keine Zeit f\u00fcr eine F\u00fchrung h\u00e4tten. Als wir auf den Ausgang zusteuerten, stellte sich unser Begleiter als Museumsf\u00fchrer vor, im Falle wir w\u00fcrden ihn noch einmal ben\u00f6tigen. Er meitne auch, der Service des Herumf\u00fchrens w\u00e4re kostenlos, worauf ich mir die Frage nicht verkneifen konnte &#8220;Sie werden also von der Stadt f\u00fcr ihre Arbeit hier bezahlt?&#8221; Seine Antwort darauf lie\u00df mich sehr skeptisch werden: &#8220;Nein, gar nichts, nicht einen Pfennig&#8230;&#8221; Dabei lehnte er an einer der Convento Mauern und legte pl\u00f6tzlich ein sehr trauriges Gesicht auf. Wovon lebte also dieser Herr, hatter er doch eine goldene Armbahnduhr, einige goldene Kettchen um Hals und Handgelenk und ein Mobiltelefon, mh? Ich verlie\u00df gr\u00fcbelnd den Convento. Sp\u00e4ter erfuhr ich dann, dass die F\u00fchrer im Convento sehr wohl von der Stadt f\u00fcr ihre Dienste bezahlt werden.<\/p>\n<p>Wir gingen dann noch zu der Pyramide Kinich Kak Moo. Nach einem reichlich unerschwerlichem Aufstieg g\u00f6nnten wir uns eine Apfelsine und genossen den Blick auf die Stadt sowie auf den Convento. Danach gings zur\u00fcck zum Convento wo wir Marcelino nicht! vorfanden und uns daraufhin erstmal in den Schatten setzten. Die 1 vereinbarte Stunde war bereits vorbei und es sollten noch 20 Minuten etwas banger werdenden Wartens vergehen, bis wir endlich Marcelinos Auto ersp\u00e4hten. Ich war wirklich erleichtert, dass ich uns durch meine schnelle &#8211; aber gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig letztlich richtige &#8211; Entscheidung nicht um unser ganzes Hab und Gut gebracht habe. Wir fuhren dann wieder nach Merida, was wir zwar nicht vorhatten, aber deswegen annahmen, da Mareclino sp\u00e4ter nach Acanc\u00e9h wollte, was auf dem Weg nach Mama lag, unser Ziel f\u00fcr den kommenden Tag.<\/p>\n<p>In Merida angekommen, schauten wir im privaten Kindergarten von Marcelinos Frau vorbei. Danach ging es zu ihm nach Hause, wobei uns fast der Atem stockte. Marcelino hat &#8211; und tut es noch &#8211; in seinem Leben hart gearbeitet und das Resultat verriet eindeutig sein Haus, das Ambiente und seine Kinder. Wir lernten mehr \u00fcber die Familie, besuchten die Schildkr\u00f6ten und Fische im Garten, die nur wegen der Weihnachtsdekorationen im kamin\u00e4hnlichen Springbrunnen nach drau\u00dfen verlagert wurden und tranken Coca Cola &#8211; das Nationalerfrischungsgetr\u00e4nk in Mexiko.<br \/>Das wir \u00fcberall vorgestellt und uns soviel gezeigt wurde(n) hat den Grund, dass wir immer erkl\u00e4ren, dass wir die Menschen hier, das allt\u00e4gliche Leben, das Essen usw. kennenlernen m\u00f6chten. Daf\u00fcr sind wir hier und da Marcelino das auch so verstanden hatte, ging es danach gleich noch zu seiner Firma &#8220;Apasco&#8221;, die Baumaterialien und Baudienste anbietet. Dem war aber noch kein Ende gesetzt, denn als wir in Acanc\u00e9h ankamen, stellte er uns gleich noch im dort ans\u00e4ssigem Krankenhaus zwei seiner Mitarbeiter vor. Einer von ihnen war taub. Da er nie die Zeichensprache gelernt hatte, verst\u00e4ndigte er sich mit Lauten. Marcelino arbeitet schon lange mit ihm zusammen und weiss seinen Arbeitseifer und -qualit\u00e4t sehr zu sch\u00e4tzen. Die Flie\u00dfenarbeit, die er uns zeigte, best\u00e4tigte seine Aussagen umsomehr. Interessant war noch, dass dieser taube Herr und sein Kollege von den Ureinwohnern des Landes abstammt und beide eine einheitliche Arbeitskleidung sowie alles was auf dem Bau zum Arbeitsschutz normalerweise angezogen wird ablehnen. Marcelino akzeptiert das, was zwar riskant ist, aber wenn seine Mitarbeiter auch in Plastiksandalen (\u00e4hnlich Badelatschen) und alten gek\u00fcrzten Hosen und Shirts ihre Leistung bringen, warum sollte er dann etwas \u00e4ndern? Jedem wie es gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Zum Abschlu\u00df dieses Tages brachte Marcelino uns auf unseren Wunsch hin zu einem Restaurant, was keine f\u00fcnf Meter von der Stra\u00dfe entfernt lag, die nach Mama f\u00fchrt. Dort konnten wir nach R\u00fccksprache mit den Besitzern problemlos unser Zelt aufstellen. Das Restaurant war eine Plattform mit einem riesigen, strohgedecktem Dach. Es gab auch Zugang zur M\u00e4nnertoilette, was den Wert unseres Aufenthalts dort um weitere Punkte steigerte. Leider gab es irgendwann kein Wasser mehr, da &#8211; wie wir morgens herausfanden &#8211; der Hauptwasserhahn abgedreht wurde. Noch ein Plus gab es an diesem Ort: einen Wachmann! Wir schliefen also ruhig und seelig ein \ud83d\ude09 <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um Merida zeitig zu verlassen und Carlos morgens noch Tsch\u00fc\u00df zu sagen, erforderte ein unsanftes, ruckartiges Erwachen. 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