{"id":396,"date":"2007-09-11T00:00:00","date_gmt":"2007-09-10T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/followtheroad.com\/de\/wenn-das-wunder-ein-demolierter-bus-ist\/"},"modified":"2007-09-11T00:00:00","modified_gmt":"2007-09-10T22:00:00","slug":"wenn-das-wunder-ein-demolierter-bus-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/followtheroad.com\/de\/wenn-das-wunder-ein-demolierter-bus-ist\/","title":{"rendered":"Wenn das Wunder ein demolierter Bus ist (Juli 24 &#8211; 25)"},"content":{"rendered":"<p>Es war sp\u00e4t als wir nach Ecuador kamen. Die Grenze bot uns nicht wirklich Raum f\u00fcr das Aufstellen unseres Zeltes, so dass wir versuchten, wenigstens die erste Stadt Tulcan zu erreichen. Wir hatten auch sofort Gl\u00fcck. Eine kolumbianische Familie hielt f\u00fcr uns an, die in Tulcan wohnte. Sie brachten uns bis zum Ende von Tulcan, wo wir eine Polizeikontrolle auffinden k\u00f6nnten. So zumindest der Fahrer. Wir liefen ein ganzes St\u00fcck zu Fu\u00df, bis wir die vermeintliche Polizeikontrolle ausfindig machten. Wir fanden allerdings niemanden vor, nur leere R\u00e4ume. Auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite in unserer Fahrtrichtung befand sich ein weiteres Wachh\u00e4uschen. Darin hielten sich drei M\u00e4nner auf, die vorbeiziehende LKW-Fahrer nach ihren Papieren fragten. Wir baten sie nahebei unser Zelt aufstellen zu d\u00fcrfen. Die drei Herren konnten sich nicht zu einer klaren Antwort durchringen. Zumal schienen wir sie eh nur zu st\u00f6ren, denn die Drei waren in ein Fu\u00dfballspiel vertieft. Nun gut, wir werden also weitertrampen. Es war bereits stockdunkel, doch irgendwie f\u00fchlten wir uns in Ecuador sicher. <\/p>\n<p>Nicht lange nach unserem Entschlu\u00df weiterzutrampen hielt ein Pick-Up f\u00fcr uns an. Das Fahrerhaus war vollgestopft bis obenhin, da pa\u00dfte au\u00dfer dem Fahrer keiner mehr hinein. Aber auf der Ladefl\u00e4che war noch locker f\u00fcr uns beide Platz. Wir schwangen uns hinauf, hatten wir doch vernommen, dass der Herr bis zum n\u00e4chsten Ort fuhr. <\/p>\n<p>Ich begriff zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass wir auf dem Weg nach Ibarra waren. Augustas kl\u00e4rte mich auf, dass wir f\u00fcr die n\u00e4chsten ungef\u00e4hr 100 Kilometer auf der Ladefl\u00e4che verbringen w\u00fcrden. Ich l\u00e4chelte. Augustas l\u00e4chelte zur\u00fcck. Es war herrlich. Wir packten uns warm ein, denn es wehte mehr als ein frischer Wind um unsere Nasen. Wir holten gar die Schlafs\u00e4cke aus dem Rucksack und mummelten uns auch damit komplett ein. Wir brausten die Dunkelheit entlang und beobachteten neben den hervorblitzenden Sternen mit Wohlwollen die Lichter, die sich hier und da aus den Bergen hervorstreckten. Mal waren es mehr Lichter, mal weniger, je nachdem wie gro\u00df die Einwohnerschaft war, die sich in den Bergen eingenistet hatte. Ab und zu wurde unsere Idylle durch Fahrzeuge gest\u00f6rt, die wir \u00fcberholten, denn dadurch blickten wir f\u00fcr einige Zeit ins pralle Scheinwerferlicht und sahen \u00fcberhaupt nichts mehr. <\/p>\n<p>Gut, dass wir vor dem Aufsteigen dem Fahrer klar gemacht hatten, dass wir an einer Polizeikontrolle herausgelassen werden wollen. Was wir allerdings nicht geahnt hatten, dass er uns mitten nach Ibarra mitnimmt und dort beim Zentralen Polizeirevier der ganzen Imbabura-Region abliefert. Wir stutzten ein wenig als wir ausstiegen, doch nun mu\u00dften wir wohl oder \u00fcbel dort nach einer Unterkunft fragen. <\/p>\n<p>Wie immer erz\u00e4hlte ich unsere Geschichte und bat um einen sicheren Platz, um das Zelt aufstellen zu d\u00fcrfen. Nach einer halben Stunde warten, vielen \u00dcberlegungen, aber der sofortigen Bereitschaft uns zu helfen, selbst dem Auskundschaften von R\u00e4umen, wurden wir eingeladen, in einer Lesungshalle zu \u00fcbernachten. Wir mu\u00dften also kein Zelt aufstellen und konnten unsere Matrazen gem\u00fctlich auf einem Holzpodest ausbreiten, dass uns noch dazu mehr W\u00e4rme bot, als der Steinfu\u00dfboden. Dazu hatten wir eine eigene Toilette, wenn die auch f\u00fcrchterlich schmutzig war. Die Waschbecken hatten bereits seit Jahren keine Reinigung mehr erlebt, aber wen st\u00f6rt das schon. Wir hatten, am ersten Abend in Ecuador, eine Luxussuite bekommen. Mehr brauchten wir wirklich nicht.<\/p>\n<p>Wir schliefen tief und fest und wachten, wenn auch etwas zeitig, ausgeruht am Morgen auf. Ich mu\u00dfte mich erst einmal orientieren, denn ich hatte vergessen, wo wir uns den Abend zuvor niedergelassen hatten. Wir kochten unseren leckeren Haferflockenbrei, a\u00dfen in aller Seelenruhe und packten dann unsere Sachen zusammen. Wir waren gerade dabei loszulaufen, da sah ich von Weitem einen Auflauf von Polizisten, die sich in unsere Richtung bewegten. Mir war klar, dass sie wohl zu einer Lesung antreten w\u00fcrden. Wir fingen an zu lachen. Wir gingen auf den Ausgang zu, doch da traten schon die ersten 30 der ungef\u00e4hr 100 Polizisten ein. Verwirrte Blicke wurden uns zugeworfen. Andere Polizisten grinsten verstohlen. Manche schauten uns nur verst\u00e4ndnislos an. Wir versuchten, die Menge der Polizisten zu einem Halt zu bringen, damit wir endlich den Raum verlassen konnten. Die Damen, denen ich die Bitte direkt vortrug, schienen in diesem Moment kein Spanisch zu verstehen. Ich quetschte mich also energisch nach drau\u00dfen und Augustas schl\u00fcpfte mit seinem Riesenrucksack hinterher. Puh. Einige der noch drau\u00dfen stehenden Polizisten schauten uns ungl\u00e4ubig an, doch wir huschten nur mit einem verhaltenen L\u00e4cheln an ihnen vorbei. Was f\u00fcr ein witziger Tagesauftakt. Wir trafen in dem B\u00fcro, wo wir am Vorabend um Hilfe baten, niemanden an, den wir kannten. Keiner reagierte auf uns, so dass wir, ohne Danke zu sagen, das Polizeigel\u00e4nde verlie\u00dfen. Ich f\u00fchlte mich ein wenig unwohl, dass wir f\u00fcr diese gro\u00dfe Hilfe nicht noch einmal Danke gesagt hatten. Doch wem?<\/p>\n<p>Wir erkundigten uns, wie wir zum Ende von Ibabarra gelangen konnten, um von dort aus zu trampen. Wie durch ein Wunder hielt der Bus, den wir brauchten, direkt vor der &#8220;Haust\u00fcr&#8221;, also vor dem Polizeirevier, an. Wir stiegen gl\u00fccklich ein und kamen alsbald am Ende der Stadt an. <\/p>\n<p>Dort kostete es uns eine Weile weiterzuziehen. W\u00e4hrend wir warteten, dabei auch unsere Trampstelle zeitweise verlegten, kamen wir an einer riesigen Jesus-Statue vorbei. Eine weitere Figur begleitete den \u00fcber allen Menschen und Dingen mit ausgebreiteten Armen wachenden Jesus. Am Abend zuvor hatte ich bereits in einem Ort ein Haltestellenh\u00e4uschen gesehen, auf dem sich ein \u00fcberdimensionaler, bunter Schmetterling befand. Weitere, teils hausgro\u00dfe Fantasiefiguren l\u00e4chelten uns die Nacht zuvor entlang des Weges nach Ibarra an. Es war unglaublich beeindruckend. Wir waren wohl im Land der Riesen gelandet, zumindest was die Statuen anging. Eine derarte, nach au\u00dfen pr\u00e4sentierte Kreativit\u00e4t hatten wir noch in keinen der bereits besuchten, lateinamerikanischen L\u00e4nder gesehen. <\/p>\n<p>Wir lachten uns gerade halb tot, weil auf dem Dach des Hauses, vor dem wir standen und trampten, zwei Hunde Rabatz machten. Die wollten uns wohl warnen. Da gerade so ihre K\u00f6pfe \u00fcber die Wand lukten konnten wir ihr Gebelle nicht ernst nehmen. Es war einfach nur urkomisch. <\/p>\n<p>Wir trampten nat\u00fcrlich trotz der lustigen Situation weiter und hielten prompt Susan an. Susan war auf dem Weg nach Quito und allein unterwegs. Sie ist Mutter von sechsj\u00e4hrigen Zwillingsbuben und f\u00fchrt in einem kleineren Ort ein Gesch\u00e4ft f\u00fcr die Vermietung von Telefonen. Zudem war sie in ihrem Ort Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin eines Servientrega-Unternehmens, ein Postversand in Ecuador, der unter anderem auch ins Ausland liefert. Susan hatte acht Jahre in Deutschland gelebt und einen deutschen Mann geheiratet, von dem die Zwillinge stammen. Irgendwann sind beide nach Ecuador gezogen und haben sich mittlerweile auf g\u00fctigem Wege getrennt, da sie einfach nicht zusammenpa\u00dften. Trotz der Trennung verstehen sich die Beiden wunderbar, so dass sie sich gegenseitig vor ihren Kindern loben. Und das im Ernst. Die Kinder hatten laut Susan den besten Papa der Welt, der sich rund um die Uhr, insofern er nicht arbeiten mu\u00dfte, um sie k\u00fcmmerte. Susan war selbstverst\u00e4ndlich die beste Mama der Welt, so der Papa, f\u00fcr deren Arbeit ihre Kinder viel Verst\u00e4ndnis hatten. Das klang alles so wundersch\u00f6n, davon tr\u00e4umen andere Trennungskinder ihr ganzes Leben, mich eingeschlossen.<\/p>\n<p>Bevor Susan uns in Quito herauslie\u00df, bot sie uns an, ein altes Telefon, das sie noch besa\u00df, und die dazugeh\u00f6rige Nummer zuzusenden. Sie hinterlie\u00df uns all ihre Daten, so dass wir nach dem Finden einer Wohnung unsere Adresse f\u00fcr das Zusenden des Telefons mitteilen konnten. Susan war ein wirklicher Goldschatz; so lebendig, lustig, weltoffen und reisefreudig.<\/p>\n<p>Wir mu\u00dften zwei verschiedene Busse nehmen, um durch Quito hindurchzukommen. W\u00e4h<br \/>\nrend der Fahrt durch die Stadt f\u00fchlten wir uns best\u00e4tigt in unserer Entscheidung, lieber in Cuenca zu wohnen. Die Luft war derma\u00dfen verpestet, man konnte selbst im Bus kaum atmen. Nein, so etwas brauchten wir f\u00fcr unseren dreimonatigen Aufenthalt in Ecuador wirklich nicht. <\/p>\n<p>Am Ende von Quito angekommen, gingen wir fast direkt in eines der kleinen Restaurants. Wir wollten uns vor dem Weitertrampen auf jeden Fall st\u00e4rken. Das Essen war fantastisch. Mit Reis, Linsen und viel Salat (das mu\u00dften wir gesondert bestellen, ansonsten g\u00e4be es Salat nur als winzige Beilage) f\u00fcllten wir unsere hungrigen B\u00e4uche. Ich schaffte es nicht einmal alles aufzuessen, so reichlich war aufgetischt wurden. Die Kellnerin und K\u00f6chin waren beide sehr neugierig und stellten uns w\u00e4hrend des Essens allerlei Fragen. Es war herrlich, dass sie so offen waren und ihre Neugier mit einer derartigen Freude an uns herantrugen, dass wir gar nicht anders konnten als fr\u00f6hlich zu antworten. Wir hinterlie\u00dfen ihnen deswegen jeden eines unserer Visitenk\u00e4rtchen bevor wir uns verabschiedeten. <\/p>\n<p>Leider hatte sich die Stra\u00dfensperrung, die die Polizei in unserer Richtung errichtet hatte, bisher nicht gel\u00f6st. Wir erkundigten uns was los sei und erfuhren, dass es in Tambillo ein Zugungl\u00fcck gegeben hatte. Auch das noch, denn es lag direkt auf unserem Weg. War das der einzige Weg nach Quito? Das war er nicht, doch der andere lag sehr weit entfernt, genauer gesagt auf der anderen Seite der Stadt. Wir entschieden also in dem Chaos, dass durch die abgewiesenen Autos, die die Stra\u00dfe nach Tambillo nehmen wollten, verursacht wurde. <\/p>\n<p>Wir sahen, dass viele Autos nach links in eine kleine Stra\u00dfe abbogen und entschieden, dass wir am besten versuchen zu trampen. Augustas stand an der einen Stra\u00dfe, ich an der anderen. In relativ kurzer Zeit wurden wir von ein paar Arbeitern mitgenommen, die mit ihrem Pick-Up bis Latacunga unterwegs waren. &#8220;Super!&#8221;, dachten wir. Denn wir rechneten uns aus, dass, da die beiden ihre Arbeitskleidung trugen, sie alles daran setzen w\u00fcrden, um bis nach Latacunga zu kommen. Wir hatten uns dabei nicht get\u00e4uscht. Zuerst ging es die kleine Stra\u00dfe entlang, dann durch privates Land, dessen Toren aufgrund des Zugungl\u00fccks f\u00fcr die Autofahrer ge\u00f6ffnet wurden. Das war lustig, denn wenn pl\u00f6tzlich eine Horde von Autos durch einen privaten Bauernhof rollt, bringt das ein eigenartiges Bild hervor. Am Ende des Privatgel\u00e4ndes landeten wir auf einer noch im Bau befindlichen Autobahn. Wohin jetzt? Wir fuhren nach rechts und kamen alsbald zum Stehen, denn der Weg war wegen eines Berges aus Sand und Ger\u00f6ll unbefahrbar. Unsere Fahrer lie\u00dfen sich davon aber nicht abhalten. Sie boten den Stra\u00dfenbauarbeitern ein wenig Geld, schleppten Steine davon und \u00fcberquerten auf diese Weise den Mittelstreifen, um den Weg fortzusetzen. Nun kamen wir in Tambillo an, wo das Zugungl\u00fcck dazu gef\u00fchrt hatte, dass sich eine Unmenge von Bussen und Autos angesammelt hatte. Ein Durchkommen war unm\u00f6glich. Zuvor hatte ich gesehen, dass es am Abhang entlang weitere Stra\u00dfen und H\u00e4user gab. Es m\u00fcsste also theoretisch noch einen anderen Weg geben. Das Gleiche dachten unsere Fahrer. Sie schl\u00e4ngelten sich die kleinen, holprigen Stra\u00dfen hinunter und landeten direkt vor den Zugschienen. Genau dort stand, wie durch ein Wunder, ein abgetrennter Wagon, der teils mit den R\u00e4dern von den Schienen geglitten war. Es war unm\u00f6glich, dieses Stahlross zu bewegen. Unsere Fahrer begutachteten die Situation und entschieden einfach vor dem Wagonabteil \u00fcber die Schienen zu setzen. Das taten sie mit viel Vorsicht und meisterten es aufgrund ihres 4&#215;4 Allradantriebes wunderbar. <\/p>\n<p>Wir hatten es geschafft, Tambillo lag hinter uns und nun fuhren wir auf die Autobahn in Richtung Latacunga auf. Kurz davor, als w\u00e4ren Unf\u00e4lle ansteckend, sahen wir einen weiteren Unfall. Zwei Autos waren frontal ineinander gerast und standen nun auf der linken Fahrspur direkt vor einem Haus. Wie sie das hinbekommen hatten fragte ich mich noch lange.<\/p>\n<p>In Latacunga wurden wir an einer recht turbulenten, noch in der Stadt liegenden Stra\u00dfe herausgelassen. Auch wenn die Chancen ung\u00fcnstig standen, dass uns hier jemand mitnehmen w\u00fcrde, wir versuchten es. Und kaum hatten wir uns versehen, da hielt auch schon ein Auto mit drei Insassen an. Wir stopften unsere Sachen hinein und los gings nach Ambato. Die Retter waren diesmal zwei Pfarrer der Adventist Kirche und eine Dame, wohl die Ehefrau des Fahrers. Als wir in Ambato ausstiegen gaben die drei uns noch eine Karte und der Fahrer meinte zu uns, &#8220;Wi\u00dft ihr, ihr habt vielleicht keine Religion, aber ihr seid etwas ganz Besonderes. Ihr seht das Leben auf eine wundervolle Weise.&#8221; Das war r\u00fchrend. Ein Pfarrer der uns zugesteht, weder seiner noch einer anderen Religion beitreten zu m\u00fcssen, war etwas Neues f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>In Ambato waren wir ein wenig verwirrt. Wir hielten an einer ung\u00fcnstigen Tramperstelle zwei Damen an, die auf dem Weg nach Ba\u00f1os waren. Das war unsere Richtung, doch die Beiden bestanden darauf, dass wir auf dem falschen Weg seien. Wie bitte? Wir lie\u00dfen die Damen davonbrausen. Augustas konnte nicht glauben, was die Beiden gesagt hatten. Er war sich hundertprozentig sicher, dass wir richtig waren. Ich war da nicht so \u00fcberzeugt, da ich wohl bei meiner Schnatterei mit den Pfarrern bei der Ausfahrt nicht richtig hingeschaut hatte. <\/p>\n<p>Wir trampten also weiter und wurden schlie\u00dflich auf die Ladefl\u00e4che eines Familien-Pick-Ups eingeladen. Die brachten uns bis zu der Kreuzung in Richtung Riobamba. &#8220;Warum kommt ihr nicht mit nach Ba\u00f1os?&#8221; Die Familie l\u00f6cherte uns. Ich sah Augustas Unlust dort hinzufahren. Ich dagegen hatte ein offenes Ohr f\u00fcr deren Vorschlag. Als uns allerdings von Hotelr\u00e4umen, Hostels, Restaurants und Touren erz\u00e4hlt wurde, lie\u00dfen wir die Familie davonfahren. Ein touristischer Ort war jetzt genau das Gegenteil zu unseren Sehns\u00fcchten. <\/p>\n<p>Wir trampten weiter und ohne mit der Wimper zucken zu k\u00f6nnen, hielt auch schon ein junger Bursche mit seinem roten Ford an. Er hatte auf dem Dach einen riesigen Lautsprecher. Der junge Mann fuhr nach Riobamba, um dort Werbung zu verk\u00fcnden und zwar indem er mit seinem Auto, den Lautsprecher auf Ansage geschaltet, durch Riobambas Stra\u00dfen f\u00e4hrt. <\/p>\n<p>Wir wu\u00dften nicht recht wo es besser w\u00e4re auszusteigen, an der Peaje oder der Abzweigung in Riobamba Richtung Cuenca. Wir entschieden uns f\u00fcr die Peaje. Wir hielten kaum unseren Daumen nach oben, da hielt bereits das erste Auto. &#8220;Nach Riobamba.&#8221; Ich bedankte mich und schlug die T\u00fcr wieder zu. Da hielt auch schon das n\u00e4chste Auto. &#8220;Nach Riobamba.&#8221; Wieder nichts. Die T\u00fcr war noch gar nicht zu, da hielt schon das dritte Auto. &#8220;Nach Riobamba.&#8221; Verflixt noch einmal! Wie kann es denn sein, dass in so kurzer Zeit so viele Autos anhalten und die alle nur nach Riobamba wollen? Das vierte Auto hielt an, doch alle Verhandlungsversuche, uns bis ans Ende von Riobamba, auf die Stra\u00dfe nach Quito, zu bringen schlugen fehl. Das f\u00fcnfte Auto war auch nichts. <\/p>\n<p>Nach 20 Minuten hielt endlich ein Mann, der versprach uns ans Ende von Riobamba zu bringen. Als er uns dann am Anfang von Riobamba, wo auch eine Abzweigung nach Cuenca existierte, die allerdings mitten durch die Stadt f\u00fchrte, heraussetzte, war Augustas emp\u00f6rt. Doch Diskussionen h\u00e4tten nichts gebracht und so bedankten wir uns, mit leicht entt\u00e4uschter Stimme, von ihm und stiegen aus. Nun ging die Suche nach Informationen los, wie wir ans Ende von Riobamba k\u00e4men. Das gelang uns nach geraumer Zeit mit einem Bus. Wir dachten die Fahrt w\u00fcrde eine Weile in Anspruch nehmen und bi\u00dfen daher gen\u00fc\u00dflich in Banane und Apfel. Doch kaum hatten wir es uns gem\u00fctlich gemacht, da deutete uns der Fahrer an auszusteigen. Wie, wir sind schon da? Wir st\u00fcrzten hinaus und fanden uns an einer Kreuzung wieder, die noch mitten in der Stadt zu liegen schien. <\/p>\n<p>Wir ersp\u00e4hten einen Reisebus und fragten, was er uns berechnen w\u00fcrde, um uns bis zu der Abzweigung Guayaquil-Cuenca zu bringen. Der Preis war in Ordnung und da uns die Zeit davonlief sprangen wir schnell hinein. Der Bus war gerammelt voll.<br \/>\nDa es sich um einen Reisebus handelte, wurde der Film &#8220;Apocalypse now&#8221; ausgestrahlt, den wir vor einiger Zeit in Venezuela gesehen hatten. Ein hinreisender Film \u00fcber das Leben von verschiedenen Urwaldst\u00e4mmen, die am Beginn der Zivilisation standen. Die Zeit verging mit diesem Film recht schnell und schon fanden wir uns an der gew\u00fcnschten Kreuzung wieder. <\/p>\n<p>Einsam und verla\u00dfen wirkte diese Gegend. Wir gingen ein St\u00fcck weiter, um uns einen g\u00fcnstigen Anhalterpunkt zu suchen. Da entdeckten wir links von uns ein riesiges Feld, auf dem unz\u00e4hlige, schmutzig und sch\u00e4big gekleidete Menschen hin-und herliefen. Sie br\u00fcllten sich gegenseitig zu, da einige von ihnen gerade in ein Fu\u00dfballspiel vertieft waren. Mir rutschte bei dem Anblick das Herz in die Hose. Eine derartige Aufmachung rief in mir Erinnerungen an unangenehme Zeitgenossen wach und ich assoziierte die Situation sofort mit Gefahr. Mir pochte das Herz bis zum Hals. Augustas ging es ebenso. Schnellen Schrittes erreichten wir das erste Haus, das wir uns zum Trampen ausgesucht hatten. Da die Stra\u00dfe alles andere als gut befahren war, hatten wir Zeit, die Menschen auf dem Feld zu beobachten. Auf den zweiten Blick erkannten wir, dass es sich hier nicht um Wegelagerer und potentielle Problemmacher handelte, sondern um ganz normale, l\u00e4ndliche Ecuadorianer, die nach ihrer Arbeit (Steine schleppen und Feldboden aufbereiten), ein Fu\u00dfballspiel unter Freunden geno\u00dfen. Wir atmeten auf. <\/p>\n<p>Ein roter Pick-Up nahm uns schlie\u00dflich mit. Wir sprangen auf die Ladefl\u00e4che und los ging die Fahrt. Sie sollte nicht lange dauern, aber zumindest w\u00e4ren wir 30 Kilometer weiter. &#8220;Jetzt m\u00fc\u00dfte ein Wunder geschehen, um heute noch in Cuenca anzukommen&#8221;, waren meine Worte zu Augustas. Er nickte nur mit einem seufzenden Gesichtsausdruck.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir die Fahrt durch die l\u00e4ndliche Gegend geno\u00dfen, sahen wir am Horizont einen Reisebus auftauchen. &#8216;Ach&#8217;, dachte ich, &#8216;nur ein Touristenbus, den wir nicht trampen k\u00f6nnen. Wo w\u00fcrden wir wohl die Nacht verbringen?&#8217; Der Bus kam n\u00e4her und Augustas erkannte, dass es sich um den demolierten Bus handelte, den wir bereits in Riobamba an uns vorbeifahren sahen. Das war unsere Chance. Wir entschieden direkt von der Ladefl\u00e4che aus zu trampen, sobald der Bus nahe genug war. Der Bus schlich sich n\u00e4her heran und wir ri\u00dfen beide unsere Daumen hoch. Dazu formte ich mit meinem Mund die Worte CUENCA. Der Fahrer wiederholte. Er nickte, als Best\u00e4tigung, dass er sich auf dem gleichen Weg befand. Wir versuchten nun mit Handzeichen klar zu machen, ob er uns mitnehmen w\u00fcrde. Der Kopf nickte. Wuhuuu! Das Wunder war geschehen! Wir waren ganz aufgeregt und hofften, dass unser Pick-Up bald anhalten w\u00fcrde, bevor es sich der Busfahrer anders \u00fcberlegte. Wir hielten an einer Tankstelle und ich st\u00fcrmte sofort zu dem Busfahrer, um auch noch mit Worten die Mitnahme abzukl\u00e4ren. Die Einladung stand. Hurra! Ich rannte schnell zu Augustas zur\u00fcck, der offensichtlich mit den Fahrern redete. Mit leuchtenden Augen verk\u00fcndete ich, &#8220;Er nimmt uns mit. Los komm!&#8221; Augustas darauf, &#8220;La\u00df uns blo\u00df schnell abhauen, die wollen Geld von uns.&#8221; Ich rief den Fahrern des Pick-Ups ein freudiges, &#8220;Vielen Dank!&#8221;, zu und schon waren wir samt Gep\u00e4ck im Bus verschwunden. Die T\u00fcr ging zu und wir lehnten uns gl\u00fccklich in unseren Sesseln zur\u00fcck. Eine Fahrt direkt bis Cuenca. Heute noch. Wunder geschehen, da waren wir uns sicher.<\/p>\n<p>Der Bus war irgendwo mit einem LKW kollidiert, welcher sich unfairer Weise von rechts aus vormogeln wollte. Der Busfahrer Javier war zu diesem Zeitpunkt so geschockt und besorgt, da sich einige der Reisenden bei dem Aufprall verletzt hatten, dass er gar nicht registrieren konnte, wer ihm da in den Bus hineingefahren war. Der Verursacher ergriff Fahrerflucht. Die Insassen wurden versorgt und am Ende blieben au\u00dfer ein paar Verletzungen keine Sch\u00e4den \u00fcbrig. Der Bus war hin. Die Frontscheibe und Nase des Buses waren fast komplett zertr\u00fcmmert und die St\u00fchle im Bus teils aus ihren Angeln gerissen. Doch das gute St\u00fcck fuhr noch. Ein paar minimale Reparaturen an den Lichtern und der Sicherung der Frontscheibe vor dem totalen Zerfall (sie war gesplittert), erm\u00f6glichten den R\u00fccktransport des Buses nach Cuenca, wo er repariert werden konnte. Eigentlich w\u00fcrde Javier lieber die Strecke \u00fcber Guayaquil nehmen, doch dort h\u00e4tten ihm die Polizisten zu viele Probleme bereitet. Den direkten Weg nach Cuenca interessierte fast niemanden, da es kaum Verkehr dort gab und der Weg geradewegs durch die Berge f\u00fchrte. <\/p>\n<p>Wir machten es uns ein wenig bequem und versuchten unser Gl\u00fcck erst einmal zu fassen zu bekommen. Ein paar Beweisfotos wurden gescho\u00dfen, denn dies war mein erster Bus, den ich jemals getrampt habe. Augustas sa\u00df neben Javier und versuchte ein Gespr\u00e4ch ins Laufen zu bringen. Ich hatte den Verdacht, dass Javier bereits m\u00fcde war und wir vorsichtig sein mu\u00dften, wollten wir nicht einen Unfall bauen. Augustas unterhielt ihn also, weckte ihn gar richtig auf, so dass er munter losplapperte. Zudem f\u00fctterten wir ihn und gaben ihm etwas zu trinken. <\/p>\n<p>Dann funktionierten pl\u00f6tzlich die Scheinwerfer nicht mehr richtig, was bei Nacht auf der Strecke nach Cuenca lebensgef\u00e4hrlich ist, denn ohne Stra\u00dfenbegrenzung geht es da ganz schnell einige tausend Meter steil bergab. Wir hielten also an und Javier begann an seinem Bus herumzumontieren. Nach einer relativ langen Zeit hatte er es geschafft, zumindest alle Lichter zum Leuchten zu bringen, wenn auch nur mit der Einschaltung des Fernlichts (zum \u00c4rger der Autos auf der entgegenkommenden Fahrspur). Daran lie\u00df sich jetzt nichts \u00e4ndern, doch das w\u00fcrde uns sicher bis nach Cuenca bringen. <\/p>\n<p>Durch die frische Luft lebte Javier richtig auf. Augustas dagegen wurde m\u00fcde. Ihm klappten irgendwann die Augen zu. Javier bot ihm deswegen an, sich hinten auf der Bank niederzulassen und ein Nickerchen zu machen. Ich fand das nicht gut, aber wenn Javier das vorschlug, was sollten wir da schon tun. Ich beobachtete Javier ein wenig, doch er schien in Ordnung zu sein. Das ging eine Weile gut, bis ich meinen Blick einmal zu lange aus dem Seitenfenster schweifen lie\u00df. Ich sah gerade noch, wie Javier die Kurve kriegte, als ein Laster frontal auf ihn zurollte. Der Schreckensausruf von Javier best\u00e4tigte den nahezu verursachten Unfall. Javier waren wohl f\u00fcr Minimomente die Augen zugeklappt. Jetzt setzte ich mich sofort neben Javier und verwickelte ihn in Gespr\u00e4che \u00fcber Kultur, Tanz, Musik, Leben, Familie und wei\u00df ich was. Mir durfte nicht der Gespr\u00e4chsstoff ausgehen, denn auch ich war m\u00fcde. Auf diese Weise schafften wir es bis Cuenca und kamen um 22:30 Uhr in Javiers Stadtteil an. <\/p>\n<p>Wir verabschiedeten uns und nahmen ein Taxi bis zum Parque Calderon, wo wir auf Roy, ein Mitglied des Hospitality Club, treffen sollten. Er hatte uns angeboten, bei ihm zu \u00fcbernachten. Wir mu\u00dften lange Zeit warten, denn scheinbar wartete Roy auf einen weiteren Anruf von uns. Um die Uhrzeit war das kein leichtes Unterfangen, denn Telefonzellen funktionierten nur mit Telefonkarten, die man nirgends mehr zu kaufen bekam. Augustas suchte also verzweifelt die M\u00f6glichkeit, bei ihm anzurufen. Er borgte sich letztlich ein Mobiltelefon. Bei seinem Anruf meinte Roy, er w\u00e4re gerade am gehen. Jetzt verstrich eine weitere halbe Stunde bis Roy endlich vor uns stand. <\/p>\n<p>Gl\u00fccklich, aber ersch\u00f6pft liefen wir gemeinsam mit unserem Gep\u00e4ck eine weitere halbe Stunde, bis wir endlich bei Roy zu Hause angekommen waren. Wir schliefen die erste Nacht in seinem Zimmer, da er bereits zwei G\u00e4ste aus Israel hatte. Die schliefen um diese Zeit allerdings schon. Wir redeten noch eine Ewigkeit und waren ein wenig entt\u00e4uscht, dass wir nach so einem langen Tag nicht einmal einen Tee von Roy angeboten bekamen. Vor allem sp\u00e4ter, als Roy uns Gute Nacht sagte und wir ihn in der K\u00fcche herumwerkeln h\u00f6rten, knurrten unsere M\u00e4gen mit einem riesigen Fragezeichen. Scheinbar war es bei ihm nicht \u00fcblich, seinen G\u00e4sten etwas anzubieten. Anders konnten wir uns das nicht erkl\u00e4ren. Aber nun war auch alles egal. Wir hatten es bis nach Cuenca geschafft und lagen<br \/>\nin einem warmen Bett. Was wollten wir noch mehr?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war sp\u00e4t als wir nach Ecuador kamen. Die Grenze bot uns nicht wirklich Raum f\u00fcr das Aufstellen unseres Zeltes, so dass wir versuchten, wenigstens die erste Stadt Tulcan zu erreichen. Wir hatten auch sofort Gl\u00fcck. Eine kolumbianische Familie hielt f\u00fcr uns an, die in Tulcan wohnte. 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