{"id":373,"date":"2007-03-10T00:00:00","date_gmt":"2007-03-09T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/followtheroad.com\/de\/lektionen-gelernt\/"},"modified":"2007-03-10T00:00:00","modified_gmt":"2007-03-09T22:00:00","slug":"lektionen-gelernt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/followtheroad.com\/de\/lektionen-gelernt\/","title":{"rendered":"Lektionen gelernt (November 5 &#8211; 12)"},"content":{"rendered":"<p>Die Zeit in Xochimilco war vorbei und wir kehrten wieder nach Mexiko Stadt zur\u00fcck. Esthela und Rodrigo hatten uns angeboten, jederzeit wieder zu ihnen zur\u00fcckzukommen. Das nahmen die Einladung gerne an, doch diesmal platzten wir in eine schwierige Phase der jungen Eltern hinein. Esthela hatte vor Kurzem aufgeh\u00f6rt zu stillen und prompt wurde Mateo krank. Das erste Mal in seinem Leben. Die Nase lief st\u00e4ndig und war v\u00f6llig verstopft. Dazu hatte er Fieber und eine Bronchitis. Bei der Umweltverschmutzung, die in Mexiko Stadt herrscht ist das kein Wunder. Esthela hatte versucht, den kleinen Fratz mit Naturheilmitteln und Tees wieder aufzup\u00e4ppeln, doch die Erk\u00e4ltung war zu hartn\u00e4ckig. Die Eltern verzweifelten nach einigen Tagen an dem unver\u00e4nderten Zustand Mateos. Die N\u00e4chte heulte Sonnenschein Mateo komplett durch und hielt die arbeitst\u00e4tigen Eltern m\u00e4chtig auf Trab. Ohne Schlaf, fr\u00fch aufstehen und nach einem harten Arbeitstag die gleiche Prozedur zehrte an Esthelas und Rodrigos Nerven. Wir f\u00fchlten mit ihnen, aber so ist es halt, wenn ein Baby krank wird. Da die Eltern v\u00f6llig ersch\u00f6pft waren, entschieden sie sich schlie\u00dflich doch einen Kinderarzt zu konsultieren. Dieser verordnete dem winzigen Wicht eine Menge Medikamente. Ich schlug innerlich die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammen. Diese Schulmediziner&#8230; Die Medikamente schlugen tats\u00e4chlich an, so dass von dem Tag an nachts wieder Ruhe einkehrte und Mateo tags\u00fcber auch wieder genie\u00dfbar war. Wir waren froh, dass sich Mateos Gesundheitszustand wieder besserte, denn wir f\u00fchlten uns wie eine gro\u00dfe Last an Esthelas und Rodrigos Beinen. Da wir aber sonst nirgendwo hin konnten, blieb uns nichts anderes \u00fcbrig als m\u00f6glichst nicht im Haus zu sein. <\/p>\n<p>Wir verbrachten eine weitere Woche in Mexiko Stadt, in der wir an einem Servas Treffen teilnahmen. Dieses fand an einem Montag im Cafe Dali statt. Ein dezent eingerichtetes Lokal, in dem kleine k\u00fcnstlerische Details auf die Verbindung zu Dali hinwiesen. An diesem Abend trafen wir fast alle Servas Mitglieder wieder, die wir in Mexiko Stadt, Xochimilco und Mixquic kennengelernt hatten. Lilli, Felix und Rodolfo tauchten allesamt bei dem Treffen auf. Es war ein herzliches Wiedersehen, zumindest mit Lilli und Rodolfo. Felix war uns ein wenig \u00fcber den Kopf gewachsen und obwohl wir ihn f\u00fcr seine besondere Art und Weise des Seins bewunderten, hatten wir vorerst genug von seiner Gesellschaft. Er erz\u00e4hlte uns trotzdem alle Nasen lang, wen er alles von woher und aus welcher Epoche seines Lebens kannte und wen wir unbedingt treffen sollten. Felix w\u00fcrde uns die Kontaktdaten, die sich nicht in der Servasliste finden lie\u00dfen, per Email zukommen lassen. Wie auch immer&#8230; <\/p>\n<p>Die meisten anderen Teilnehmer stellten sich als alte Hasen in Servas heraus. Ein Herr war jedoch erst k\u00fcrzlich der Organisation beigetreten. Er kam aus Baja California, der Halbinsel im Nordwesten von Mexiko. Der Pr\u00e4sident namens Peralta, der neben Felix am l\u00e4ngstem in Servas Mexiko t\u00e4tig war, zeigte viel Interesse an unserer Anwesenheit. Wir f\u00fchrten intensive Gespr\u00e4che \u00fcber die Bedeutung von Gastfreundlichkeit und wann ein Mensch als gut oder b\u00f6se eingestuft werden kann. Wir einigten uns auf verschiedene &#8220;Relativit\u00e4tstheorien&#8221;, denn es ist immer abh\u00e4ngig von der Situation und der Perspektive, die man den jeweiligen Menschen dahingehend betrachtet. Peralta entdeckte mein Interesse an Kunst und lud uns zur Er\u00f6ffnung einer Kunstgalerie ein, die seine Frau ins Leben gerufen hatte. Der Abend im Cafe Dali in der Gesellschaft der vielen Servas Mitglieder f\u00fchrte uns noch einmal vor Augen, wie sehr sich diese Organisation doch von den Vereinen wie Hospitality Club und Couch Surfing unterschied. Wir waren wirklich fasziniert von Servas und sind es bis heute.<\/p>\n<p>Die Inauguration der Kunstgalerie fand am kommenden Donnerstag statt. Wir hatten uns mit Peralta um 19 Uhr verabredet. Da wir gerne in seiner Begleitung die Galerie betreten wollten, warteten wir drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe auf ihn. Nach einer halben Stunde \u00fcber der Zeit entschieden wir nicht l\u00e4nger herumzustehen und stattdessen die Zeit f\u00fcr die Kunstbesichtigung zu nutzen. Im Erdgeschoss fanden sich vorwiegend Gem\u00e4lde, deren Sinn ich nicht zu greifen bekam. Der Stil war mir einfach zu abstrakt und die Erkl\u00e4rungen dazu lagen zu weit von der eigentlichen Arbeit entfernt. Auch Augustas konnte mit diesen Kunstwerken nichts anfangen. Im Obergescho\u00df dagegen fanden wir viele Collagen und Arbeiten vor, die Kompositionen bestimmter Situationen darstellten. In diesen Werken steckte viel Handwerk drin. In diesen k\u00fcnstlerischen Bauten wurden h\u00e4ufig Materialien wie Puppen, alte Briefe, vergilbte Notizen, Perlen, Stofffetzen mit Kaffeeflecken und Schmuck vorgefunden. Andere Kunstwerke erlaubten durch ihre Anordnung einen Blickwinkel, der auf nat\u00fcrliche Weise nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Dabei kamen vor allem viele Spiegel zum Einsatz. Wir waren restlos begeistert von dieser Art Kunst. Die Werke strahlten Faszination pur aus und zogen uns in ihre intimen, speziellen Geschichten mit hinein. Wir hatten bereits die gesamte Galerie gesehen, doch Peralta tauchte noch immer nicht auf. Wir warteten einige 15 bis 20 Minuten l\u00e4nger, doch dann gingen wir einfach nach Hause. Sp\u00e4ter erfuhren wir, dass seine Frau erkrankt war und er deswegen nicht zu der Galerieer\u00f6ffnung erschienen war. Wir h\u00e4tten ihn auch anrufen k\u00f6nnen, doch wir dachten, dass das eh unn\u00fctz w\u00e4re. Vielleicht h\u00e4tte es Peralta aber die Sorge darum genommen, dass wir uns fragten, warum er nicht kam. Sollte sich solch eine Situation irgendwann wiederholen, wir w\u00fcrden dieses Mal definitiv zum Telefonh\u00f6rer greifen.<\/p>\n<p>Die drei Wochen Urlaub, die Saulius, der liebenswerte Litauer, der uns einige Dinge aus dem Heimatland mitgebracht hatte, mit seinen Freunden in Mexiko verbracht hatte, waren bereits wieder um. Wir trafen uns ein weiteres Mal auf dem Flughafen von Mexiko Stadt und \u00fcbergaben ihm all unsere Fotos, die wir entwickeln lassen hatten. Auch meine Kamera, die er extra f\u00fcr uns aus Litauen mitgebracht hatte, gaben wir ihm wieder mit. Wir hatten n\u00e4mlich in Xochimilco entschieden, dass wir uns eine Digitalkamera zulegen werden, da die Entwicklung unserer \u00fcber acht Monate gesammelten Filme nicht gut gegangen war. Die Qualit\u00e4t war \u00e4u\u00dferst schlecht und wir \u00e4rgerten uns, dass wir da nichts mehr machen konnten. Da wir bereits ein Modell bei Ebay ersteigert hatten, brauchte ich die kleine Kamera zum Austoben meines Kunstbed\u00fcrfnisses nun auch nicht mehr. Neben den Fotos und der Kamera hatten wir auch unsere Rucks\u00e4cke durchforstet und gaben ihm unn\u00f6tigen Balast mit auf die Reise nach Litauen. Wir hofften, dass Saulius uns wegen der Menge nicht den Kopf abriss, doch er sah die Sache relativ gelassen. Er erz\u00e4hlte uns von der Rundreise durch Mexiko und erw\u00e4hnte, dass er w\u00e4hrend des &#8220;Dia de Muerte&#8221; nicht wusste, was er machen sollte, da er von keinerlei Veranstaltungen erfahren hatte. H\u00e4tten wir das geahnt&#8230; Es w\u00e4re sicher toll gewesen, mit den vier Litauern gemeinsam zu dem Fest in Mixquic zu gehen. Nun war es nicht mehr nachzuholen. Insgesamt muss ich sagen, dass die vier Litauer nach ihrem Urlaub viel offener und ausgelassener wirkten, als bei ihrer Ankunft. Was so wenig Zeit in Mexiko mit einem anstellen kann&#8230; Faszinierend. Keine drei Tage, nachdem Saulius wieder in seinem Land angekommen war, hielt Augustas Schwester auch schon unsere Sachen in der Hand. Das hatte wirklich hervorragend geklappt. Besser als die Post.<\/p>\n<p>Wie fast t\u00e4glich waren wir in der Stadt unterwegs und da wir dringend f\u00fcr einige Zeit im Internet arbeiten mussten und den billigsten und besten Platz dazu nahe Oscars Wohnung wussten, gingen wir einfach dorthin. Kaum sassen wir im Internetcafe, spazierte pl\u00f6tzlich Oscar pers\u00f6nlich zur T\u00fcr hinein. Er war in Begleitung einer Freundin aus Guadalajara. Die beiden nutzen das Internet nur f\u00fcr eine kurze Zeit und beim Gehen erinnerte uns Oscar daran, dass am kommenden Tag die Inauguration der Gem\u00e4ldegalerie stattfinden w\u00fcrde, f\u00fcr die Oscar an eine<br \/>\nm Wettbewerb teilgenommen hatte. Dazu w\u00fcrde eine Preisverleihung vollzogen und ein B\u00fcffet auf uns warten. Wir sicherten ihm zu, auf jeden Fall bei der Galerieer\u00f6ffnung dabei zu sein. <\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag war es soweit. Oscar w\u00fcrde erfahren, ob seine wundervollen Gem\u00e4lde, die von einem bestimmten Bibelpsalm und einer G\u00f6tterfigur handelten, einen Preis gewonnen hatten. Er war sich nahezu sicher, dass er gewinnen w\u00fcrde. Diese Zuversicht war vor allem aus der Notwendigkeit geboren, seine r\u00fcckst\u00e4ndige Miete begleichen zu m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Auf dem Weg dorthin in der U-Bahn erlebten wir ein ungew\u00f6hnliches Dr\u00e4ngen. Die U-Bahn in Mexiko Stadt ist zu den Hochbetriebszeiten, also fr\u00fch morgens und gegen Abend, f\u00fcrchterlich voll. Bisher war es uns aber noch nicht untergekommen, dass die T\u00fcr aufgeht, die Menschen unter verbalen und physischen Geb\u00e4rden in die U-Bahn hineingeschoben wurden und dann ein unnat\u00fcrlich starken Hin- und Herr\u00fccken stattfand. \u00dcberall wurde gedr\u00e4ngelt, die Menschen nach vorne und hinten geschoben und auch ich befand mich genau im Kreuzfeuer dieser Aktivit\u00e4ten. Obwohl Augustas und ich sonst immer dicht beisammen standen, schafften es die Massen uns diesmal auseinanderzureisen. Nichtsahnend, was da vor sich ging, schaute ich nur genervt zur Wagondecke hoch. Wir w\u00fcrden ja bald aussteigen. Augustas schien die Situation dagegen genau zu beobachten. So pl\u00f6tzlich wie die Dr\u00e4ngelei begonnen hatte, war sie auch wieder vorbei. Augustas fragte sogleich, &#8220;Hast du noch alle deine Sachen?&#8221; Ich war mir sicher, dass es so war, doch halt!, mein kleines Schultert\u00e4schchen war offen. Ich schaute hinein und begriff nur langsam, dass mein Notizbuch verschwunden war. So ein Mist aber auch. All meine Gedanken, Erfindungen (die bisher nur in Theorie existierten), Notizen und Adressdaten waren mit einem Mal verschwunden. Und das von einem anderthalbj\u00e4hrigen Zeitraum. Futsch. Weg. Wahrscheinlich schon in einem Papierkorb gelandet. Die zehn Dollar, die sich in dem Umschlag befanden waren auch weg. Denen trauerte ich aber nicht hinterher. Ich weiss noch genau, wie ich mir dieses Notizbuch in Kapstadt, S\u00fcdafrika, kaufte, mit einer Maske, die ich in einer s\u00fcdafrikanischen Zeitschrift fand verzierte und seither behutsam mit mir herumgetrug. Augustas erkl\u00e4rte mir nach dem Geschehen, wie die Diebe vorgegangen waren und mir fiel alles wie Schuppen von den Augen. Auch wenn Augustas mich schon viele Male auf solche Situationen hingewiesen hatte, musste ich wohl erst diese Erfahrung selbst machen, um mich in Zukunft besser vor solchen Taten sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen. Von nun an w\u00fcrden bei mir auf jeden Fall die Alarmglocken l\u00e4uten und meine H\u00e4nde sofort zu meinen &#8220;Sch\u00e4tzen&#8221; wandern. Festhalten, Beobachten, sich nicht ablenken lassen. Ich hatte meine Lektion gelernt.<\/p>\n<p>In der Galerie angekommen schienen wir die ersten Besucher zu sein. Niemand hielt sich in der Halle im Erdgescho\u00df auf, in der das B\u00fcffet vorbereitet war. Wir erfuhren auf Nachfrage, dass die Preisverleihung in einem anderen Teil des Geb\u00e4udes stattfand. Nachdem wir uns erst ein wenig verlaufen hatten, fanden wir die Aula schlie\u00dflich. Wenn auch nicht die Ersten, z\u00e4hlten wir zumindest zu den wenigen p\u00fcnktlichen G\u00e4sten. Wir mussten noch eine ganze Weile verharren, bis die Aula gerammelt voll war und die Preisverleihung endlich begann. Oscar kam viel sp\u00e4ter. Die Veranstaltung lief bestimmt schon eine halbe Stunde, bis er endlich auftauchte. Er wusste zu genau, dass die G\u00e4ste zu Beginn immer viel Gerede \u00fcber sich ergehen lassen mussten. Er kannte das Spiel schon zur Gen\u00fcge. Als die Preisverleihung dann eingel\u00e4utet wurde, fing Oscar an zu schwitzen. Wer war wohl der Gewinner? Nachdem St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die besten zehn Teilnehmer gek\u00fcrt wurden und das f\u00fcr Oscar niederschmetternde Ergebnis feststand, war es Zeit f\u00fcr alle restlichen Teilnehmer zum Pult hervorzutreten und ihr Teilnahmezertifikat in Empfang zu nehmen. Dazu wies Oscar Augustas an, ihn zu fotografieren. Obwohl Oscar offensichtlich keine Ahnung vom Fotografieren hatte, gab er Augustas verwirrend-klare Instruktionen, wie er wo und wann in welcher Position und mit welcher Person aus welchem Blickwinkel aufgenommen werden wollte. Augustas blieb \u00fcber seine Ausf\u00fchrungen so verdutzt zur\u00fcck, dass er einfach drauf los knipste. Es wird schon eines der Fotos seinen Vorstellungen entsprechen. Oscar kam mit hochrotem Kopf von der Zertifikatsausgabe zur\u00fcck und schwitzte so sehr, dass ihm der Schwei\u00df von der Stirn lief. Es schien nicht einfach f\u00fcr ihn, vor so ein Publikum zu treten. <\/p>\n<p>Endlich ging es in die Galerie hinunter, um die ganzen Werke zu bestaunen. Es fanden sich viele tolle Gem\u00e4lde darunter. Als wir bei den Siegerbildern ankamen, griffen wir uns vor Unverst\u00e4ndnis an den Kopf. Wir konnten beim besten Willen nicht verstehen, warum dieses Bild gewonnen hatte. Oscar konnte das noch weniger. Mal Beiseite gelassen, dass wir Oscar pers\u00f6nlich kannten, aber insgesamt gefielen mir seine Gem\u00e4lde und die eines weiteren Teilnehmers weitaus besser, als jedes der Siegerbilder. Auch die anderen Besucher der Galerie murrten \u00fcber das Ergebnis. Ich fragte mich in diesem Moment, ob nicht die Beziehungen zu den Entscheidungstr\u00e4gern hier eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielte als die Qualit\u00e4t der Bilder. Wir konnten an diesem Abend n\u00e4mlich noch h\u00e4ufig erkennen, wie wichtig es schien, mit ber\u00fchmt-bekannten Pers\u00f6nlichkeiten ein paar nette Worte zu wechseln. Oscar nutzte die Ann\u00e4herung an diese Personen sofort f\u00fcr die Bewerbung seiner Bilder. Er schleppte jede einzelne, f\u00fcr seine Zukunft wichtige Person zu seinen Bildern und pr\u00e4sentierte stolz seine Werke. Auffallen um jeden Preis. In die Erinnerung der Gro\u00dfen und M\u00e4chtigen eingehen, dass war das Hauptziel dabei. Wir verstanden Oscars Bem\u00fchen um Aufmerksamkeit. Er stellte uns bei jeder Gelegenheit automatisch als Fotografen an, denn jede Begegnung musste nat\u00fcrlich f\u00fcr sp\u00e4tere Referenzen festgehalten werden. Wir schmunzelten \u00fcber unsere Berufung zu &#8220;Profifotografen&#8221; und vergn\u00fcgten uns in den Pausen mit dem k\u00f6stlichen B\u00fcffet. Einmal griff ich allerdings daneben und bi\u00df kr\u00e4ftig in ein Fleischpastell hinein. Ich spuckte das St\u00fcck unbemerkt in eine Serviette, legte das angebissene Pastell heimlich auf ein Tablett und griff gleich zu einem s\u00fcssen Pastel, von dem ich definitiv wusste, dass es f\u00fcr mich essbar war.<\/p>\n<p>Da ich es geschafft hatte, meinen R\u00fccken in die falsche Position zu schieben und mir das Ganze Schmerzen bereitete, suchte ich nach einem neuen Chiropraktiker. Es musste doch ein \u00e4hnlicher wie in Guatemala Stadt zu finden sein. Jemand, der mein Problem manuell diagnostizieren kann und mich wieder gerade biegt. Damit stie\u00df ich in Mexiko Stadt aber auf Felsgestein. Wir liefen uns die F\u00fc\u00dfe wund, von einem zum n\u00e4chsten Chiropraktiker, nur um zu erfahren, dass sie mich ohne vorherige R\u00f6ntgenaufnahmen von Hals, R\u00fccken und Becken nicht behandeln w\u00fcrden. Was war das denn bitte sch\u00f6n? Schon einmal von gesundheitlichen Risiken beim R\u00f6ntgen geh\u00f6rt? Scheinbar nicht. Ich weigerte mich regelrecht, auch nur einem dieser sogenannten &#8220;Chiropraktiker&#8221; zuzuh\u00f6ren, wenn sie mich nur dann anfassen w\u00fcrden, wenn sie zuvor eine R\u00f6ntgenaufnahme in der Hand hielten. Sonst nicht. Und so etwas nannte sich Chiropraktiker! Ich konnte es nicht glauben. Ich war so au\u00dfer mir vor Rage, dass ich bei der geringsten Andeutung von R\u00f6ntgen sofort Kehrt machte. Schlie\u00dflich und letztendlich fand ich eine alte Chiropraktiker-Klinik, in der ich nicht aufgefordert wurde, ein R\u00f6ntgenbild von meinem R\u00fccken machen zu m\u00fcssen. Die Kosten lagen auch um das Doppelte niedriger. Na hoffentlich war ich bei diesem Herrn an die richtige Adresse geraten. <\/p>\n<p>Kaum trat ich ins Arztzimmer hinein, bombardierte mich der Arzt in einer Schnelle und Abgehacktheit mit Fragen, als st\u00e4nde ich vor einem Computer. Ich wunderte mich ein wenig, dachte aber, dass er diese Fragen schon millionenfach gestellt haben musste und sah dar\u00fcber hinweg. Er jagte mittels eines Stromger\u00e4tes Elektrizit\u00e4t durch meinen K\u00f6rper und als es mir im Nacken weh tat, hatte er den ersten Teil der Diagn<br \/>\nose abgeschlossen. Er erkl\u00e4rte die Zusammenh\u00e4nge und bat mich daraufhin, auf einer speziellen Liege bauchlings Platz zu nehmen. Die Liege war in verschiedene Teile &#8220;zerschnitten&#8221;. Von Kopf bis Fu\u00df waren insgesamt f\u00fcnf oder sechs verschiedene, gepolsterte Platten auf einer H\u00f6he angebracht. Ich legte mich mit dem Kopf nach unten auf dieses Ger\u00e4t und los ging es. Es puffte, zischte und w\u00e4hrend ich an wechselnden Stellen Ruckbewegungen von unten f\u00fchlte, dr\u00fcckte der Arzt mir vom Stei\u00df angefangen bis zum Nacken und wieder zum Stei\u00df in einem bestimmten Rhytmus auf der Wirbels\u00e4ule herum. Nach f\u00fcnf oder zehn Minuten war er damit fertig und bat mich in einen winzigen Nebenraum. In diesem stand nur eine Bank, die im oberen Teil in der Mitte einen Schlitz hatte, aus dem ein weiteres Element herausschaute. Ich wurde gebeten es mir r\u00fccklinks auf der Liege gem\u00fctlich zu machen. Der Arzt r\u00fcckte mich noch ein wenig zurecht und dr\u00fcckte dann den roten Knopf an der Seite der Liege, so dass sich das Teil, was aus dem Schlitz herausgeschaute, anfing sich zu bewegen. Es massierte automatisch von oben nach unten und wieder nach oben, jeweils gleichzeitig rechts und links neben meiner Wirbels\u00e4ule. Das war zur Entspannung nach der Behandlung auf dem Spezialtisch gedacht. Er lie\u00df mich 15 Minuten in diesem eiskalten Raum liegen. Beim n\u00e4chsten Mal w\u00fcrde ich mich dabei zudecken, so viel war sicher. Ich bezahlte f\u00fcr diese halbst\u00fcndige Behandlung 17 Dollar (14 Euro) und marschierte mit einer Terminvereinbarung f\u00fcr den folgenden Tag hinaus. Ich f\u00fchlte mich ganz in Ordnung nach der Behandlung. Einige Stunden sp\u00e4ter schmerzte mir dann das ganze R\u00fcckrat, was ich aber als normal einstufte, denn genauso hatte ich es in Guatemala City erlebt. Ich ging insgesamt vier Mal zur Behandlung. Einmal verga\u00df mich der gute Herr auf dem automatischen Massagetisch. Nach einer halben Stunde weckte ich seine Aufmerksamkeit mit Br\u00fcllen und Klopfen. Er entschuldigte sich f\u00fcr das Vergehen, was aber nicht gegen die darauf auftretenden, extrem starken R\u00fcckenschmerzen half. Vielen Dank Herr Doktor. Ich gab einen Tag sp\u00e4ter die Behandlung auf. Mir war klar geworden, dass mir diese Behandlung in keinster Weise helfen w\u00fcrde. Menschen geh\u00f6ren nun einmal nicht auf Automaten, sondern in genauso menschliche H\u00e4nde. Wieder eine Lektion gelernt.<\/p>\n<p>Kurz bevor wir Mexiko Stadt in Richtung Cuernavaca verlie\u00dfen, lud uns Bradwell erneut zum Freitagscharla (Gespr\u00e4chsabend) im &#8220;Casa de los Amigos&#8221; (Haus der Freunde) ein. Diesmal war das Thema: &#8220;Welchen Ort w\u00fcrdet ihr am Liebsten besuchen und warum?&#8221; Wir bildeten wieder Gr\u00fcppchen und ich teilte in der meinigen mal wieder meine Vision von einer Reise, die mich von Alaska bis nach Russland bringen w\u00fcrde. Einem Herrn in unserer Runde ging das sichtlich gegen den Strich. &#8220;Das funktioniert nie! Das wirst du nie schaffen!&#8221; Danke der Motivation. Ich legte mich nat\u00fcrlich mit ihm an und siegte letztendlich, denn ich bekam auch den Zuspruch der anderen Teilnehmer. Dieser Mann schien aber von Sturheit und falscher Weisheit geplagt zu sein, denn er akzeptierte meinen Gewinn nur knurrend. Das Ergebnis unserer Diskussion war, dass er sich hinsichtlich einer &#8220;illegalen&#8221; Einreise in Russland geschlagen gab, niemals w\u00fcrde ich dieses Vorhaben aber mit offizieller Genehmigung realisieren k\u00f6nnen. F\u00fcr mich z\u00e4hlte nicht wie ich es schaffen w\u00fcrde, sondern das ich es schaffen w\u00fcrde. Denn ich glaube fest daran, dass es m\u00f6glich ist. Der gleiche Herr haperte auch mit der Erkl\u00e4rung meinerseits, dass Augustas und ich &#8220;durch die Menschen&#8221; reisen, nicht entlang von Attraktionen. &#8220;Aber das, dieses und jenes musst du einfach besucht haben. Wenn nicht, dann hast du Mexiko einfach nicht gesehen.&#8221; Ich schmunzelte dar\u00fcber. Wie kann man nur so engstirnig sein? Ein anderer Teilnehmer fing diese Einstellung dagegen positiv auf. &#8220;Ich habe in meinem Leben noch nie dar\u00fcber nachgedacht, dass man auch durch die Menschen reisen kann. Das er\u00f6ffnet mir ganz neue Perspektiven. Ich werde diese Art und Weise des Reisens auch in Erw\u00e4gung ziehen.&#8221; Ich freute mich an dieser Reaktion sehr. Leben und leben lassen. Offen sein f\u00fcr Neues, Unbekanntes. Das gefiel mir.<\/p>\n<p>Nach dem Treffen im &#8220;Casa&#8221; gingen wir mit einigen der Teilnehmer noch in ein Restaurant. Dort kamen wir mit Katrin, einer Deutschen, ins Gespr\u00e4ch, die seit einigen Monaten in Zentralamerika unterwegs war. Sie erz\u00e4hlte mir von den M\u00f6glichkeiten, gerade im lateinamerikanischem Raum als Deutschlehrerin t\u00e4tig zu werden. Diese Arbeit w\u00fcrde gut bezahlt und man k\u00f6nnte sich einfach das Taschengeld f\u00fcr die Weiterreise verdienen. Au\u00dferdem w\u00e4re es im Allgemeinen sehr einfach, dem Lehrplan zu folgen, man m\u00fcsste also die Unterrichtsziele nicht selbst definieren. Mittels B\u00fcchern lie\u00dfen sich die Kurse problemlos halten. Das munterte mich auf. Sollten wir einmal wieder irgendwo Halt machen, w\u00fcrde ich die M\u00f6glichkeit, ein Zubrot als Deutschlehrerin zu verdienen, in Erw\u00e4gung ziehen. Katrin erz\u00e4hlte uns auch von einem Schildkr\u00f6tenprojekt, in dem sie f\u00fcr einige Wochen an der pazifischen K\u00fcste von Mexiko gearbeitet hatte. Ich spitzte meine Ohren und lie\u00df mir einige Daten aufschreiben, die uns zu den Schildkr\u00f6ten f\u00fchren k\u00f6nnten. Denn eins war mir in diesem Moment klar: ich wollte die Schildkr\u00f6ten auf jeden Fall sehen.<\/p>\n<p>Wir verabschiedeten uns nun auch von Esthela, Rodrigo, dem s\u00fcssen Mateo und dem witzigen Chihuaua Mao. Die Familie hatte uns wirklich herzlich aufgenommen, trotz aller Strapazen, die sie in letzter Zeit hatten durchstehen m\u00fcssen. Schlie\u00dflich luden sie uns auch noch zu ihrer Hochzeit ein, die im Bundesstaat Michoac\u00e1n, Esthelas Geburtsort, stattfinden w\u00fcrde. Zur gleichen Zeit sollte Mateo getauft werden. Wir verblieben damit, dass wir \u00fcber eine Teilnahme nachdenken w\u00fcrden. Leider fand die Hochzeit sp\u00e4ter zu dem Zeitpunkt statt, an dem wir die Reise zur pazifischen K\u00fcste gemacht hatten, um die von mir so ersehnten Schildkr\u00f6ten zu finden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zeit in Xochimilco war vorbei und wir kehrten wieder nach Mexiko Stadt zur\u00fcck. Esthela und Rodrigo hatten uns angeboten, jederzeit wieder zu ihnen zur\u00fcckzukommen. Das nahmen die Einladung gerne an, doch diesmal platzten wir in eine schwierige Phase der jungen Eltern hinein. 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