{"id":347,"date":"2007-03-08T00:00:00","date_gmt":"2007-03-07T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/followtheroad.com\/de\/menschen-einer-22-millionen-einwohner-stadt\/"},"modified":"2007-03-08T00:00:00","modified_gmt":"2007-03-07T22:00:00","slug":"menschen-einer-22-millionen-einwohner-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/followtheroad.com\/de\/menschen-einer-22-millionen-einwohner-stadt\/","title":{"rendered":"Menschen einer 22 Millionen-Einwohner-Stadt (October 20 &#8211; 30)"},"content":{"rendered":"<p>Nach diesem herrlichen, aktionsgef\u00fcllten Tag in Puebla, wollten wir morgens erst gar nicht aus unseren Betten kriechen. Wir f\u00fchlten uns hier so wohl&#8230; Wir schleppten uns aber doch irgendwie unter die eiskalte Dusche, die uns die Faulheit mit einem Ruck austrieb. <\/p>\n<p>Hinter uns abgeschlossen, den Schl\u00fcssel in des Nachbarns Briefkasten gesteckt, spazierten wir in Richtung Stadtende. Wir wussten so ungef\u00e4hr wo es sich befand. Die Autobahn war unser Ziel und der Weg streckte sich bis dorthin. Wir hielten also noch im Gehen unseren Daumen heraus. Verschiedene Taxis hielten an, die wir aber ins Jenseits schickten. Ein Taxi war allerdings hartn\u00e4ckig. Es hielt uns eher an und bot einen derart g\u00fcnstigen Preis, dass wir ins Gr\u00fcbeln kamen. Tr\u00e4umten wir etwa? War an dem Geb\u00e4ren des Taxifahrers etwas faul? Unser Z\u00f6gern f\u00fchrte bei dem Taxifahrer zu der Bemerkung, &#8220;Wie, ist euch das etwa zu billig?&#8221; Wir verneinten schnell und stiegen nachdenklich ein. Warum wohl nahm er uns so g\u00fcnstig mit? Der Fahrer erkl\u00e4rte, dass er sich eigentlich auf dem Nachhauseweg befand. Es war unser Gl\u00fcck, dass er an der Autobahn vorbeikam, die wir in Richtung Mexico Stadt nehmen mussten. Perfekt. Er brachte uns letztlich sogar noch ein kleines St\u00fcck weiter, so dass wir ungehindert lostrampen konnten und die Fahrzeuge nicht direkt auf der Autobahn anhalten mussten.<\/p>\n<p>Wir brauchten nur mit dem Finger zu schnipsen und schon hatten wir eine Fahrt gewonnen. Die Dame war direkt auf dem Weg nach Mexiko Stadt. Die \u00dcberraschung war gelungen. Die Reise mit der Dame war ausgesprochen anregend, sowohl an Gespr\u00e4chsthemen, wie auch der Tatsache, dass sie uns etwaige Orte in Mexiko Stadt vorschlug, die alternativer oder kreativer Natur waren. Wir machten bereits Pl\u00e4ne, was sonst eher nicht zu unseren Vorlieben z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Wir fuhren gerade nach Mexiko Stadt hinein, da hielten wir an einer Telefonzelle an. Die Adresse, die uns meine Freundin Katheryn gegeben hatte, machte f\u00fcr unsere Fahrerin keinen Sinn. Sie wollte uns aber gerne vor der Haust\u00fcr unserer Freundin absetzen. Wir versuchten daher Katheryn zu erreichen. Vergeblich. Die Fahrerin las unsere Beschreibung wieder und wieder, bis ihr ein Licht aufging. Mit einer ungef\u00e4hren Ahnung, navigierte sie uns durch das unverst\u00e4ndlichste Strassennummernsystem, das wir bisher kennengelernt hatten. Und da waren wir. Wir standen pl\u00f6tzlich direkt vor Katheryns Haus. Es gab keine Klingel, so dass wir Katheryn ein weiteres Mal anriefen. Wieder ohne Erfolg. Das Warten konnte einige Zeit in Anspruch nehmen und so lie\u00dfen wir uns vor dem verschlossenen Hauseingang nieder und st\u00e4rkten uns mit pers\u00f6nlichen Leckerbissen: Bohnen aus der Dose, Brot, Gurken und \u00c4pfel.<\/p>\n<p>Nach ein bis zwei Stunden und unz\u00e4hligen Anrufversuchen, tauchten Katheryn und ihre Mutter am Hauseingang auf. Katheryn war beim Zahnarzt gewesen. Im vierten Stock angekommen, ging die Wohnungst\u00fcr zu einer winzigen Bleibe auf. Katheryn hatte uns vor langer Zeit gesagt, dass die Wohnung ihrer Mutter zu klein w\u00e4re, um uns zu beherbergen. Wir fanden aber keinen anderen Gastgeber und so lud uns die Mutter trotzdem zu sich nach Hause ein. Direkt von der Wohnungst\u00fcr fielen wir in die Stube. Dort fand ein runder Tisch mit vier St\u00fchlen Platz, daneben stand eine Vitrine und dahinter befand sich jeweils links und rechts an der Wand ein Sofa f\u00fcr zwei bis drei Personen. Der Fernseher strahlte stumm und bildlos in der Mitte. Neben der Stube befand sich eine klitzekleine K\u00fcche. Sitzen konnte man dort nicht und auch sonst war mehr als eine Person in der K\u00fcche nicht ratsam. Am linken Ende der Stube befand sich das Bad, was in seiner Gr\u00f6\u00dfe der K\u00fcche wahrlich keine Konkurrenz machte. Hinter der Stube teilte sich die Wohnfl\u00e4che in zwei kleine Zimmer, das der Mutter und des Bruders Raul. Wir w\u00fcrden also in der Stube schlafen. Das nahmen wir zumindest an. Wir lagen damit v\u00f6llig daneben. Katheryns Mutter bestand energisch darauf, dass wir in ihrem Ehebett n\u00e4chtigen und sie derweil mit Katheryn den Boden in der Stube bezieht. Uns waren die H\u00e4nde gebunden und eine Ablehnung trotz ausgesprochener Proteste unsererseits v\u00f6llig zwecklos. Als wir am ersten Abend entdeckten, dass unsere Gastgeber nur auf einer d\u00fcnnen Decke als Untergrund schliefen, f\u00fchlten wir uns noch unwohler. Wir boten ihnen gar unsere Matrazen an, aber auch die lehnte die Mutter ab.<\/p>\n<p>Auch sonst wurden wir auf eine liebenswerte Art zu ihren Sch\u00fctzlingen degradiert, um die sich gek\u00fcmmert wurde, denn es sollte uns an nichts fehlen. Sie kochte f\u00fcr uns die sch\u00f6nsten Gerichte, kaufte den ganzen Gem\u00fcseladen f\u00fcr uns leer, fragte uns stets nach unseren Essensw\u00fcnschen und machte sich Sorgen, ob wir auch wirklich satt wurden. Wir wurden mit Delikatessen verw\u00f6hnt und rund um die Uhr von Katheryns Familie und Besuchern unterhalten. Nach einigen Tagen erm\u00fcdeten wir ein wenig der F\u00fcrsorge, konnten aber nicht umhin, Katheryns Mutter f\u00fcr ihren Einsatz zu lieben. <\/p>\n<p>Katheryns Bruder Raul war eine interessante Pers\u00f6nlichkeit. Die Ruhe in Person liebte er es, mit den Nachbarskinder zu spielen. Seine Geduld war erstaunlich. In tiefergehenden Gespr\u00e4chen erfuhr ich von ihm viel \u00fcber den Buddhismus, in den ich mich ja bereits hineingelesen hatte. Raul war seit zwei Jahren Buddhist und praktizierte nebenbei auch eine islamische Religion. Das beeindruckte mich sehr.<\/p>\n<p>Am Abend unserer Ankunft waren wir zum Sushi-Essen bei Freunden eingeladen. Die Gastgeberin war eine Malerin, die reichlich abstrakte Kunstwerke zustande brachte. Sie war im \u00dcbrigen die Meistern des Sushi an diesem Abend. Sie zauberte gar veganes Sushi f\u00fcr uns her. Ihr Freund Paco war in der Filmbranche t\u00e4tig und pr\u00e4sentierte in den kommenden Wochen seinen neuen Film in Mexiko und Europa. Er lud uns auch gleich zur Urauff\u00fchrung ein, an der wir sp\u00e4ter allerdings nicht teilnehmen konnten. Rigel (setze hier eine Fu\u00dfnote mit Link) war ein weiterer Gast. Auch sie war leidenschaftliche Malerin. Ihre bevorzugten Objekte waren Frauen. Erotische Art war ihr ausschlie\u00dfliches Thema. Ihre Arbeiten waren so fein gezeichnet, dass sie auf den ersten Blick wie Fotografien aussahen. Rigel befand sich gerade im Dauerstress, denn f\u00fcr die kurz bevorstehende Er\u00f6ffnung ihrer ersten, eigenen Galerie musste sie unerwartet noch eine handvoll weiterer Gem\u00e4lde anfertigen. Ihr verblieb noch ein knapper Monat, um die Gem\u00e4lde zu liefern. Ihr Ehemann tauchte im Anzug mit Krawatte auf. Wie passte das denn zusammen? In der Vergangenheit war er ein Hippie mit langen Haaren gewesen, der mit Vorliebe Marihuana rauchte. Jetzt war er zum Bankangestellten mutiert. Lustig, welche Wege das Leben oft geht. <\/p>\n<p>An einem der folgenden Tage trafen wir uns mit einer anderen Truppe von Katheryns Freunden, die sich bereits seit der Schulzeit kannten. Wir trafen uns im Coyoacan Viertel, das ber\u00fchmt f\u00fcr seine vielen Stra\u00dfencafes, Restaurants und das Museum von Frida Kahlo (eine ber\u00fchmte mexikanische K\u00fcnstlerin) war. Dort gab es ganzw\u00f6chig einen Kunstmarkt, der aber nur an den Wochenenden richtig zum Leben erwachte. Unz\u00e4hlige H\u00fctten reihten sich aneinander, die Kunst, Gem\u00e4lde, Schmuck, Kleidung und Esswaren anboten. Es war ein Genuss f\u00fcr die Sinne, durch diese improvisierten L\u00e4den zu streifen. Wir gingen in eines der Lieblingscafes von Katheryn. Dort probierten wir von einem eigenartigen Bier. Das Bierglas war am Trinkrand mit Limone und Salz prepariert. Es gab auch noch eine Chilli-Variante davon. So weit gingen wir bei unserer Wahl aber nicht. Sp\u00e4ter am Abend wollten wir etwas Essen gehen. Das endete in einer ewigen Suche. Jemand hatte eine Idee, wir fuhren dorthin, das Restaurant war voll oder bot keine veganischen Speisen an. Wir parkten hier, und dort, und immer so fort. Es war mittlerweile schon reichlich sp\u00e4t, als eine Freundin auf die Idee kam, ins &#8220;100% Natural&#8221; (100% Nat\u00fcrlich) zu gehen. Dort w\u00fcrden auch vegetarische Speisen serviert. Wir wurden nicht entt\u00e4uscht. Die Karte hielt eine zauberhafte Welt von vegan und vegetarisch abgewandelten Speisen bereit. Ich entschie<br \/>\nd mich f\u00fcr die traditionellen Tacos, die in diesem Restaurant mit einem Fleischersatz (Seitan oder Tofu, weiss ich nicht genau) zubereitet wurden. Augustas entschied sich f\u00fcr eine Suppe. Wir entschieden unser Essen miteinander zu teilen. Halb Suppe, halb Tacos. Als die Tacos serviert wurden und ich zum ersten Mal hineinbi\u00df, wollte ich gar nicht mehr mit Augustas teilen. Die waren ein Traum. Die Tacos stimulierten derart meine Geschmacknerven, dass sie meinen Mund fast zum Schlingen verf\u00fchrten. Ich bot dem Einhalt und genoss, genoss und genoss diese K\u00f6stlichkeit bis zum letzten Kr\u00fcmel. Augustas bekam nat\u00fcrlich auch seine Portion ab, denn letztlich waren drei Tacos eh viel zu viel f\u00fcr meinen Magen. Dieses Gericht werde ich wohl in meinem Leben nicht wieder vergessen. Das &#8220;Dessert&#8221; dieses Restaurantbesuches war, dass Katheryn darauf bestand, die Bezahlung f\u00fcr uns zu \u00fcbernehmen. Wir schwebten auf Wolke Sieben.<\/p>\n<p>Es war an der Zeit, den alternativen Markt &#8220;El Chopo&#8221; zu besuchen. Den hatte uns ja die Dame, die uns bis Mexiko Stadt gebracht hatte, w\u00e4rmstens empfohlen. Kaum stiegen wir in der Buenavista Station aus der U-Bahn aus, sahen wir Unmengen von schwarz gekleideten Menschen herumschwirren. Auf der Treppe, die zur Stra\u00dfe hinausf\u00fchrte, verkauften junge Leute in dunklen Kost\u00fcmen &#8220;echte&#8221; schwarze Rosen. Ich f\u00fchlte mich pl\u00f6tzlich in eine andere Welt versetzt. \u00dcberall stie\u00dfen wir auf kreative Bekleidung und geschmackvoll-verr\u00fcckt gef\u00e4rbte und gestylte Haarprachten. Vor allem die M\u00e4nner heimsten meine Begeisterung ein, denn die tauchten in Fr\u00e4cken, prachtvollen barocken Gew\u00e4ndern und originellen Str\u00fcmpfen auf, die bis zu ihren Oberschenkeln reichten. Am Markt angekommen, fanden wir zahlreiche L\u00e4den vor, die Klamotten jeder Art verkauften. Vor allem f\u00fcr die schwarze Musikszene, Rock, Punk, aber auch f\u00fcr Hipp-Hopp, Armeeliebhaber und Discogirls gab es eine gro\u00dfe Auswahl. Augustas kaufte sich vor Ort auch endlich eine neue Hose, die zwar einige Produktionsfehler aufwies, aber allemal f\u00fcr unsere Zwecke gut war. Verschiedene L\u00e4den, die von au\u00dfen winzig erschienen, warteten mit der Gr\u00f6\u00dfe von vierst\u00f6ckigen Geb\u00e4uden auf. Auf jeder Etage gab es etwas anderes zu entdecken und auch die lautstarke Musik variierte je nach Verkaufsgegenstand. Ein wahrer Fundus an Sch\u00e4tzen war das. Die Strasse mit Buden wie auf der Kleinmesse schien endlos. \u00dcberall gab es Musik zu kaufen, die weit entfernt von Pop war. Die Luft dr\u00f6hnte regelrecht von der aus allen Lautsprechern pl\u00e4rrenden Musik. Weiter ging es mit Klamottenst\u00e4nden, Schmuckverk\u00e4ufern, Liebhaberst\u00fccken f\u00fcr Spezialgeschm\u00e4cke und am Ende, das fehlte auf keinem Markt, auch die E\u00dfst\u00e4nde. Dort gab es organisches und unter Fair-Trade gehandelte Waren wie auch frisches Obst und Gem\u00fcse und nat\u00fcrlich Fleisch zu kaufen. Da lag auch locker einmal ein ganzes Schwein auf dem Tisch, was mir den Appetit schnell verdarb. Wir verzichteten auf eine Mahlzeit an diesen St\u00e4nden, auch weil die Preise nicht gerade unserem Budget angepasst waren. Stattdessen gingen wir zum n\u00e4chstbesten Supermarkt und deckten uns dort mit Lebensmitteln f\u00fcr den Nachhauseweg ein.<\/p>\n<p>Alvaro, ein www.HospitalityClub.org Mitglied, lud uns eines Abends zu einem Treffen in Coyoacan ein, von dem wir uns sowieso magisch angezogen f\u00fchlten. Wir kamen extra ein bischen fr\u00fcher zu dem Treffen, da ich mir unbedingt noch eine Hose kaufen wollte. An einem Modell blieben meine Augen kleben. Die lilane Hose hatte jeweils ein Auge auf Knieh\u00f6he und strahlte mit Pilzen und bunten Punkten. Ich probierte sie an und sie passte perfekt. Die wollte ich haben. Wir handelten ein wenig um den Preis. Dabei stellte ich mich nicht ganz so geschickt an, einfach weil ich die Hose in Gedanken eh schon gekauft hatte. Aber das war letztendlich egal. Ich hatte meine Hose gefunden und damit auch gleich eine Idee f\u00fcr meine Zukunft gekauft: Klamotten selber bemalen. F\u00fcr mich stand fest, dass w\u00fcrde ich von da an selber machen.<\/p>\n<p>Wir mussten lange auf Alvaro warten. Wir nahmen uns w\u00e4hrenddessen Zeit einen B\u00fccherladen, der sich an einer Ecke des Marktplatzes befand, genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Laden hatte so viele tolle B\u00fccher, man h\u00e4tte mich gut und gerne dort f\u00fcr einige Tage abstellen k\u00f6nnen. Alvaro kam ungef\u00e4hr eine Stunde zu sp\u00e4t. Wir waren geduldig, dass wusste er scheinbar. Au\u00dferdem kannten wir ja die Situation des Stra\u00dfenverkehrs um diese Zeit und wussten, dass er sicher irgendwo stecken geblieben war. Mit Alvaro gingen wir ein wenig durch Coyoacan. Er f\u00fchrte uns herum, erkl\u00e4rte uns viele historische Sachen und endete bei einem Museum, dass zeitgem\u00e4\u00df die verschiedensten Altare f\u00fcr den kommenden &#8220;Dia de Muerte&#8221; (Todestag) pr\u00e4sentierte. Diese Altare waren sich \u00e4hnlich, enthielten aber je nach Kultur andere Opfergaben und Blumen. Lag auf dem einen ein einfacher Brotlaib, wurde auf dem des Nachbarn Kuchen geopfert. Die Altare waren gro\u00dfartig und wirkten, da es gerade Abend wurde, ausgesprochen anheimelnd. Danach zogen wir weiter durch die Stra\u00dfen. Die Atmosph\u00e4re, die die Cafes und Restaurants bei Dunkelheit ausstrahlten, versetzte mich in die Zeit, als ich es in Berlin genoss, meine Abende mit Freunden an \u00e4hnlichen Orten zu verbringen. Wir hielten an einem wohlbekannten Kaffeehaus an, wo die Menschen in langen Schlangen anstanden. Obwohl es schien, als m\u00fcssten die Leute den n\u00e4chsten Morgen abwarten, um an ihren Kaffee zu kommen, schoben sie sich im Eilzugtempo voran. Die Bedienung funktionierte wie bei einer Maschine, doch war hier die Spezie Mensch selbst am Werk. Es handelte sich um alles andere als einen Kaffeeautomaten. Die Ger\u00fcche, die aus dem Kaffeehaus auf die Stra\u00dfe drangen, lie\u00dfen selbst mich schweben, obwohl ich keinen Kaffee trinke. W\u00e4hrend Alvaro in der Schlange der Kaffees\u00fcchtigen verschwand, suchten wir uns einen Imbiss, der uns hei\u00dfen Tee servierte. Dazu gab es eine kleine Knabberei und als Alvaro zur\u00fcckkehrte, spazierten wir allesamt zum Marktplatz. Dort setzten wir uns nebeneinander und fingen an, kulturelle Erfahrungen auszutauschen. Alvaro war besonders an unseren Afrikareisen interessiert. Im Gegenzug lauschten wir dann Alvaros Reiseberichten. Eine Geschichte fesselte uns besonders. Als er im mittleren Osten die Grenze \u00fcberqueren wollte, verwickelte sich Alvaro selbst in eine ungangenehme Situation. Ohne vorher dar\u00fcber nachzudenken, dass in dem n\u00e4chsten Land, das er bereisen wollte, Alkohol strikt verboten war, brachte er ein paar alkoholische Souvenire mit, die er gern seinen Freunden in Mexiko geschenkt h\u00e4tte. Doch dazu kam es nicht. Er legte sich wirklich ins Zeug, um die Souvenire unversehrt auch in dieses Land bringen zu d\u00fcrfen. Das endete damit, dass einer der Soldaten die Flaschen wegtrug und sp\u00e4ter vor Alvaros Augen auf den Boden schmetterte. Nun durfte Alvaro einreisen. Ohne Souvenire. Geschockt und sauer \u00fcber so wenig Mitgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Lilli und Paco, zwei www.Servas.org Mitglieder, f\u00fchrten uns eines nachmittags zur Universit\u00e4tsstadt von Mexiko Stadt, der UNAM. Zuvor lernten wir noch Pacos neues Haus kennen, dass er erst k\u00fcrzlich bezogen hatte. Da Paco nicht nur Schriftsteller sondern auch K\u00fcnstler war, hatte er das Innenleben des Hauses auf abenteuerliche Weise ver\u00e4ndert. Mir h\u00e4tte dieser Ort gut f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Aufenthalt gefallen. Auf dem Weg zur Uni-Stadt erfuhren wir, dass Lilli Filme vom Spanischen ins Englische \u00fcbersetzte. Ab und zu \u00fcbernahm sie auch Sprechrollen, was ihr allerdings nicht so gut gefiel. <\/p>\n<p>Die UNAM ist ein \u00fcberdimensionaler Universit\u00e4tskomplex, der den Namen &#8220;Stadt&#8221; wirklich verdient. Das Gel\u00e4nde ist so gro\u00df, dass es universit\u00e4tseigene Busse gibt, die den Studenten von einer Fakult\u00e4t zur anderen helfen. Wie auch in Mexiko Stadt ist der Verkehr auf den Universit\u00e4tsstrassen oft durch Staus gepr\u00e4gt. F\u00fcr Studenten ist es ergo ratsam, sich lieber ein Fahrrad anzuschaffen, mit dem sie unabh\u00e4ngig vom Stau rechtzeitig zu ihren Vorlesungen kommen. Bereits beim Betreten des Uni-Gel\u00e4ndes lachte uns die gro\u00dfe, alte Bibliothek an. Die ist von au\u00dfen mit malerischen Kunstwerken verziert. Kaum hatten wir de<br \/>\nn Campus betreten, f\u00fchlte ich mich in meine Studienzeit zur\u00fcckversetzt. Weit ausgedehnte Rasenfl\u00e4chen, park\u00e4hnliche Anlagen, Sitzb\u00e4nke und gar Pavillions hinterliessen einen Eindruck f\u00fcr freischaffende Kreativit\u00e4t. Positiver Raum, um sich au\u00dferhalb der Seminare zu entfalten. Paco f\u00fchrte uns zu Fu\u00df durch ein Drittel der Universit\u00e4tsstadt UNAM. Er zeigte uns seine alte Fakult\u00e4t sowie die Geb\u00e4ude der Fachrichtungen Architektur, Medizin und Kunst. Wir besuchten die neue Bibliothek, die sich durch ihren modernen Bau stark von der k\u00fcnstlerisch verzierten am Eingang zur UNAM abhob. Nicht weit von der UNAM befindet sich ein biologisches Schutzgebiet, in dem Pflanzen verschiedener und seltener Art aufzutreffen sind. Die Biosph\u00e4re wird fast ausschlie\u00dflich sich selbst \u00fcberlassen, um einen m\u00f6glichst nat\u00fcrlichen Urzustand zu erreichen. Inmitten dieses Parks gibt es einen gigantischen Kreis, in dem felsenartige Gesteine in einem Loch aufgestapelt scheinen. Ringsherum ist der Kreis durch Betonw\u00e4nde gesch\u00fctzt, die wie gleichwinkelige Dreiecke aussahen. Zwischen den einzelnen Betonw\u00e4nden findet sich soviel Platz, dass man als schlanker Mensch hindurchpasst. Diese Konstruktion stammte sichtlich von einem anderen Stern. Dieser Platz wurde oft als Konzert&#8221;halle&#8221; und f\u00fcr Festveranstaltungen genutzt. Dazu standen die Musikgruppen mitten im Gestein, w\u00e4hrend die Zuschauer auf den Felsbl\u00f6cken inmitten des Kreise, am Rand des Kreises und auf der Spitze der Betonbl\u00f6cke verweilten. Ein magischer Ort f\u00fcr solche Ereignisse.<\/p>\n<p>Nachdem wir uns die F\u00fc\u00dfe in UNAM wund gelaufen hatten, machten wir einen Ausflug nach Tlalpan. Das ist eine kleine, gem\u00fctliche Vorstadt von Mexiko Stadt, in der das Leben noch nicht durch Autoabgase und menschen\u00fcberf\u00fcllte Stra\u00dfen gepr\u00e4gt ist. Wir hatten nur noch wenig Zeit, so dass wir nach einem kurzen Spaziergang durch Tlalpan in einem Restaurant einkehrten. Wir fanden alle etwas zu essen, obwohl sich das anfangs schwierig gestaltete. Fast alle Gerichte schienen entweder mit Fleisch oder Milch versetzt zu sein. Es war halt ein traditionell mexikanisches Lokal.<\/p>\n<p>Micha, ein Freund aus Deutschland, hatte uns vor Abreise nach Mexiko (im Januar 2006) eine Musik-CD mit polnischen Liedern in die Hand gedr\u00fcckt. Er hatte n\u00e4mlich vor einiger Zeit ein paar Tramper aufgelesen. Diese stellten sich als mexikanische T\u00e4nzer heraus, die auf dem Weg zu einem Auftritt waren. Maria liebte die Musik, die er w\u00e4hrend der Fahrt im Auto spielen lie\u00df und versprach ihr, eine Kopie dieser CD nach Mexiko zu schicken. Das hatte er vor, doch dann erfuhr er von unserer Reise durch die Welt, die wir in Mexiko beginnen w\u00fcrden. Er gab uns also die CD mit der Bitte, Maria pers\u00f6nlich aufzusuchen und ihr die CD zu \u00fcberreichen. Da wir auf einigen Umwegen Mexiko Stadt erreichten, konnten wir die CD erst acht Monate sp\u00e4ter \u00fcbergeben. Dazu wuselten wir durch Mexikos Stra\u00dfen, denn Maria lebte in Guajimalpa. Nach einiger Zeit machten wir die Adresse ausfindig, doch am Haus angekommen, fanden wir nur ihre Gro\u00dfmutter vor. Maria lebe nicht dort, h\u00e4tte nur ihren Briefkasten in ihrem Haus. Wir erkl\u00e4rten der Gro\u00dfmutter die \u00dcberraschung, die wir f\u00fcr Maria hatten und so gew\u00e4hrte sie uns Eintritt ins Haus. Sie servierte uns eine Zitronenlimonade, w\u00e4hrend wir versuchten, Maria per Telefon zu erreichen. Die Gro\u00dfmutter stellte dazu ihren Festnetzanschluss zur Verf\u00fcgung. Nach einer kurzen Erkl\u00e4rung, dass wir etwas f\u00fcr sie h\u00e4tten, ohne aber zu erw\u00e4hnen von wem und was, verabredeten wir uns f\u00fcr eine Stunde sp\u00e4ter im Zentralpark direkt an der Kirche. <\/p>\n<p>Maria versp\u00e4tete sich ein wenig. Wir vertrieben uns also die Zeit mit der Beobachtung der Festlichkeiten, die in und um die Kirche zu Gange waren. \u00dcberall hingen Ballons, die Kinder rannten mit Girlanden behangen herum, die den Dampfkesseln entflohenen Ger\u00fcche verrieten ihre K\u00f6stlichkeiten und die Stimme des Pfarrers, der f\u00fcr seine Gemeinde an diesem Tag sprach, drang selbst bis auf den Hof der Kirche. In vielen Ecken t\u00fcmmelten sich Gr\u00fcppchen, die sich entweder gerade \u00fcber ein verzehrwilliges B\u00fcffet hermachten oder aber bereits mit vollgestopften B\u00e4uchen ein Nachmittagsnickerchen hielten. Endlich kam Maria und wir konnten ihr er\u00f6ffnen, dass Micha ihr die CD durch uns sendet. Sie bekam vor Erstaunen ihren Mund nicht wieder zu. Sie war so gl\u00fccklich, dass sie vor Freude h\u00fcpfte. Die \u00dcberraschung war wirklich gelungen und endlich waren Maria und die CD vereint. Auch diese Form der Post funktioniert also. Zudem blieb uns Maria nicht nur von diesem Tag in Erinnerung, denn wir sind seit unserem Aufeinandertreffen in stetigem Kontakt.<\/p>\n<p>Maria war auf dem Weg zu ihrem Tanztraining, wo sie als Tanzlehrerin fungiert. Sie lud uns also ein, ihrer Tanzgruppe beim \u00dcben zuzusehen. Sie trainierten f\u00fcr einen Auftritt, der im September stattfinden w\u00fcrde. Alle kamen zu sp\u00e4t au\u00dfer Maria. Der Lohn des Wartens war die Pr\u00e4sentation von traditionellen Tanzschritten und Formationen, denen mittels Steppschuhen akkustisch Ausdruck verliehen wurden. In dem gro\u00dfen leeren Gymnastikraum mit Parkettfu\u00dfboden und f\u00fcnf Paar Schuhen, die von Musik begleitet wurden, bebte der ganze Saal. Dazu die grazi\u00f6sen Bewegungen von Maria und ich war v\u00f6llig im Zauber der Bewegungen gefangen. Meine Beine tanzten unaufh\u00f6rlich im Sitzen mit. Ich liebe Tanz, da ich es fast mein ganzes Leben getan habe. Wenn ich also in neue Tanztechniken eingef\u00fchrt werde, selbst wenn ich nur zusehe, versuche ich automatisch die Schritte nachzuahmen. Ob ich will oder nicht, mein Unterbewu\u00dftsein schaltet in diesem Moment auf Aufnahme und Umsetzung. Tuck-tuck, klapp-klapp.<\/p>\n<p>Katheryns Mutter schlief nun schon seit vier Tagen auf dem Wohnzimmerfu\u00dfboden und da wir endlich einen anderen Gastgeber gefunden hatten, wechselten wir zu einem anderen Stadtbezirk, in die Wohnung von Esthela und Rodrigo. Wir hatten die Beiden \u00fcber www.Servas.org kennengelernt. Die beiden hatten einen neun Monate alten Sohn namens Mateo. Ein wahrer Sonnenschein. Er lachte den ganzen Tag, jauchzte vor sich hin, vergn\u00fcgte sich mit Vorliebe mit dem Wollbauschstruppelhund (ein Chiuahua) namens Mao und h\u00fcpfte so oft er durfte in seinem Springsitz herum. Einmal hatte sich Mao ein Spielzeug von Mateo gegriffen und kaute darauf herum. Das brachte Mateo derma\u00dfen zum Lachen, dass wir am Ende alle Vier mit einstimmten. Uns standen die Tr\u00e4nen in den Augen und wir hielten uns die B\u00e4uche vor Lachen. So ein mitrei\u00dfendes Gel\u00e4chter habe ich in meinem Leben zuvor noch nie von einem 9 Monate altem Baby vernommen. Mateo war wohl der geborene Clown. Unsere Gastgeber stellten uns unbegrenzt ihre K\u00fcche zur Verf\u00fcgung und erkl\u00e4rten, dass wir alles essen k\u00f6nnten, was wir auffinden. F\u00fcr diese Geste versuchten wir uns ein paar mal zu revangieren und kochten Abendessen. Das war gar nicht so einfach, da Esthela bestimmte Lebensmittel vor\u00fcbergehend nicht essen durfte, da sie abstillen wollte. Aber es fand sich immer etwas, selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Die Wohnung von Esthela und Rodrigo war genau optimal f\u00fcr drei Personen mit Besuch. Wir schliefen in der Stube auf dem ausgeklappten Sofa. Das war anfangs etwas schwierig, da des nachts vom Treppenhaus das Licht immer direkt auf unsere Gesichter fiel. Man konnte es nicht ausschalten. Wir zogen daher die Decken einfach \u00fcber den Kopf, um ungest\u00f6rt tr\u00e4umen zu k\u00f6nnen. Fr\u00fchzeitig am Morgen, so gegen 6 Uhr, machten sich Esthela und Rodrigo leise durch die Wohnung schleichend fertig und gingen auf Arbeit. Mateo und der Hund wurden zu Esthelas Schwester gebracht, w\u00e4hrend Esthela gerade wieder anfing zu arbeiten. Sie war f\u00fcr mexikanische Verh\u00e4ltnisse lange mit dem Baby zu Hause gewesen. Ganze 8 Monate. In der Regel m\u00fcssen die M\u00fctter nach 2 Monaten schon wieder arbeiten gehen, denn nur f\u00fcr diese Zeit erhalten sie einen Zuschu\u00df vom Staat. Gut, dass Rodrigo die Lebenshaltungskosten bis dahin abdecken konnte, doch nun war es an der Zeit, dass Esthela ihr Monatsgehalt beisteuerte. Ihre Arbeit lag im Umweltbereich. Sie arbeitete gerade an einem Forschungsprojekt \u00fcber die historischen Zusammenh\u00e4nge von Menschen<br \/>\nansiedlungen in einem bestimmten Gebiet und den vorhandenen Wasserquellen. An einigen Orten schien es sich abzuzeichnen, dass die Wasservorr\u00e4te dem Ende zugingen. Deswegen war es an der Zeit herauszufinden, wie sich der Wassermangel auf die dort ans\u00e4ssigen Menschen auswirken wird, um rechtzeitig eingreifen zu k\u00f6nnen. Rodrigo arbeitete in einem geografischen Institut und gab einmal pro Woche Seminare an der Universit\u00e4t. Da er kein Auto hatte bzw. das, was die Beiden besa\u00dfen, Esthela brauchte, musste Rodrigo jeden Morgen einen einst\u00fcndigen Arbeitsweg antreten. Wenn er zur Universit\u00e4t musste, um seine Seminare zu halten, tat er dies am fr\u00fchen Morgen und musste gegen Mittag durch die ganze Stadt hinweg zu seiner Arbeitsstelle gondeln. Das dauerte ganze zwei Stunden. Bei der daf\u00fcr notwendigen Zeit versteht man erst einmal, wie gro\u00df Mexiko Stadt wirklich ist.<\/p>\n<p>Den ersten wie auch viele folgende Abende verbrachten wir f\u00fcnf gemeinsam. Wir spielten mit Mateo, stichelten Mao und lauschten den vielen Tipps und Anregungen, die uns Esthela und Rodrigo f\u00fcr unsere Reise durch Mexiko gaben. Die Beiden waren auch viel unterwegs und kannten sich historisch und kulturell sehr gut aus. Sie schlugen uns Feste vor, die wir nicht verpassen sollten, und zeigten uns Fotos von wahren Naturwundern, die selten zu finden sind. Die Ausf\u00fchrungen \u00fcber ihre Reisen inspirierten uns sehr und wir hofften, irgendwie auch an diesen ungew\u00f6hnlichen Orten zu wandern und an den farbenfrohen Festen teilzunehmen.<\/p>\n<p>Wochenlang hatten wir an einem Treffen mit Saulius, einem Litauer, gearbeitet, der f\u00fcr einen dreiw\u00f6chigen Urlaub nach Mexiko kommen wollte. Augustas hatte ihm in einem Forum \u00fcber das Internet ausfindig gemacht und Saulius hatte sich bereit erkl\u00e4rt, uns einige Dinge aus Litauen mitzubringen und bei seiner R\u00fcckreise unsere Fotos mitzunehmen. Endlich war es so weit. Wir trafen uns auf dem riesigen Flughafengel\u00e4nde in Mexiko Stadt. Dort trafen wir auf vier Litauer, die ihre neugierigen Nasen \u00fcberall hinschweifen lie\u00dfen. Wir hatten nur wenig Zeit miteinander, da die Vier bereits von ihren Gastgebern erwartet wurden. <\/p>\n<p>Wir h\u00e4tten es bei unserer Ankunft in Mexiko Stadt nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass wir so viel Zeit an diesem Ort verbringen werden. Selbst nach neun Tagen hatten wir noch nicht genug davon. Wir wechselten also erneut unseren Gastgeber und landeten in einem ruhigen Viertel von Mexiko Stadt, einer Art K\u00fcnstlerviertel, bei Oscar dem Maler. Oscar war der geborene Chaot, pr\u00e4sentierte sich nach au\u00dfen hin aber als v\u00f6lliges Gegenteil. Seri\u00f6s, im Anzug gekleidet, baute sich der zwei Meter gro\u00dfe H\u00fcne vor einem auf. Im Herzen alternativ und mit Liebe f\u00fcrs Detail, wahrte er in der \u00d6ffentlichkeit den Ruf eines Gesch\u00e4ftsmannes. Geistige Abwesenheit f\u00fchrte bei Oscar oft zur Verdr\u00e4ngung wichtiger Termine, an die er sich immer nur kurzfristig wieder erinnerte. Dann hetzte er besorgt durch die Wohnung und st\u00fcrmte zu seiner Verabredung, zu der er bereits reichlich sp\u00e4t kam. Die Kombination war so skurril, das sie schon wieder kreativ wirkte. Oscar war halt ein wahrer K\u00fcnstler. Organisation war eine seiner Schw\u00e4chen. Genauso war es mit dem Essen. Oscar liebte den Genuss von Speisen, war aber zu unbeholfen, ein ganzes Men\u00fc zusammenzukochen. Daher gab es f\u00fcr ihn meist nur Tortillas in der Pfanne ger\u00f6stet und mit K\u00e4se in der Mitte \u00fcberbacken. Die K\u00fcche sah auch entsprechend unbenutzt und reichlich verstaubt aus. Dazu meinte Oscar nur, &#8220;Das ist halt ein altes Haus. Da sammelt sich der Staub \u00fcberall.&#8221; Mit einem Schmunzeln machten wir uns also ans Werk, seiner K\u00fcche zu einem neuen Glanz zu verhelfen. Dazu bekochten wir ihn fast rund um die Uhr, damit er uns nicht vom Fleische fiel. Wir hatten viel Spass dabei, denn er konnte nicht glauben, dass man auch vom fleischlosen Essen satt w\u00fcrde. Wir blieben eine ganze Woche bei ihm. Oscar hatte nichts dagegen, bat uns nur, beim &#8220;w\u00f6chentlichen&#8221; Saubermachen mit anzupacken. Das erforderte einigen Einsatz, besonders im Bad, dass sicher seit einem halben Jahr keine Reinigung mehr zu sp\u00fcren bekommen hatte. Oscar war bei der Reinemachaktion nicht da und als er dann kurz vor Beendigung zur\u00fcckkam, nahm er uns mit Entsetzen den Schwamm aus der Hand und meinte, &#8220;Doch nicht so viel! Das ist genug des Reinigens!&#8221; Scheinbar war es ihm jetzt zu sauber. Uns fehlten dazu die Worte, aber wir atmeten sichtlich auf, unser Soll abgearbeitet zu haben. <\/p>\n<p>Die eine Woche bei Oscar war manchmal etwas anstrengend. Das Problem war, dass wir keinen Schl\u00fcssel hatten. Immer genau dann, wenn Oscar nicht da war, passierte es, dass wir das Haus nicht verlassen konnten, da unten das Gittertor verschlossen war. Wir klingelten gar bei den Nachbar, damit sie uns herauslie\u00dfen. Beim Nachhausekommen war es nicht anders. Selbst wenn wir mit Oscar Zeiten der R\u00fcckkehr vereinbarten, passierte es h\u00e4ufiger, dass wir stundenlang vor dem Haus verharren mussten. Gut, dass es in der N\u00e4he ein preiswertes Internet gab, sonst h\u00e4tten wir mit unserer Haustorbelagerung sicher die Nachbarn verunsichert.<\/p>\n<p>Oscar war vielbesch\u00e4ftigt und verbrachte die Morgende mit Jogging und Malen. Seine Spezialit\u00e4t waren Portraits von ber\u00fchmten Pers\u00f6nlichkeiten. Da er als K\u00fcnstler von der Hand in den Mund lebte, ging er oft in Cafes, um dort die G\u00e4ste zu zeichnen. Wenn er die Zeichnungen \u00fcbergab, \u00fcberlie\u00df er es den G\u00e4sten, ob sie ihm daf\u00fcr entsch\u00e4digen wollten oder nicht. Oft sicherte er sich damit das Essen f\u00fcr den Tag. Nur die Bezahlung der Miete bereitete ihm oft Kopfzerbrechen, denn damit war er immer einige Monate hinterher, wenn er unter einer schlechten Auftragslage litt. Oft versuchte er deswegen an Wettbewerben teilzunehmen, denn das Siegergeld sicherte ihm den Fortbestand seiner eigenen vier W\u00e4nde. Als wir bei ihm waren, wartete er gerade geduldig auf den Ausgang eines Wettbewerbes, in dem eine religi\u00f6se Figur, verpackt in eine bildliche Oration, f\u00fcr eine Kathedrale gemalt werden sollte. Er hatte zwei Bilder eingereicht und hoffte, in wenigen Wochen mit dem Siegergeld seine Mietschulden begleichen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auf dem Dach des mehrst\u00f6ckigen Hauses hatte sich Oscar sein eigenes Studio eingerichtet. Wenn man sich dort versuchte Eintritt zu verschaffen, musste man erst einmal die zahlreichen Gem\u00e4lde aus dem Weg r\u00e4umen. Wundersch\u00f6n war die Tatsache, dass er bei gutem Wetter im Freien arbeiten konnte, mit einem Blick \u00fcber die D\u00e4cher seines Stadtbezirks. Eine inspirierende Atmosph\u00e4re. Nachmittags nahm er dann meistens Termine wahr und traf sich auch einige Male mit dem russischen Botschafter in Mexiko Stadt. Oscar hatte den russischen Botschafter samt seiner jungen Familie gemalt und musste den offiziellen Transport des Bildes nach Russland organisieren. Der Botschafter w\u00fcrde n\u00e4mlich in K\u00fcrze seinen Posten in Mexiko Stadt f\u00fcr einen neuen Botschafter freimachen. Und so kam es, dass eines nachmittags der Botschafter direkt zu Oscar nach Hause kam. Augustas lebte auf, als er die M\u00f6glichkeit bekam, endlich einmal wieder Russisch zu sprechen. Er wechselte ein paar Worte mit dem Botschafter und hoffte, dass sie sich noch einmal wiedersehen w\u00fcrden. Dazu kam es leider nicht. <\/p>\n<p>Neben seinen ganzen Aktivit\u00e4ten f\u00fchlte sich Oscar oft depressiv, da er vor drei Jahren seine geliebte Ex-Freundin verloren hatte. Sie hatte sich das Leben genommen und er versuchte ihre Gr\u00fcnde daf\u00fcr zu akzeptieren, was ihm sichtlich schwer fiel. Er teilte mit uns diese Tragik. Um nicht die ganze Zeit \u00fcber die Vergangenheit zu sinnieren, stiftete uns Oscar abends oft zum Domino spielen an. Er und Augustas verstrickten sich dabei richtiggehend in ihre Strategien, schlie\u00dflich wollte ja niemand verlieren und mit Pfiff den Gewinn erobern. Mir war das alles zu aufwendig. Ich wollte einfach nur Spass an der ganzen Sache haben und pfiff auf die Strategien. Witzig war an diesen Abenden, dass Oscar nie aufh\u00f6ren wollte zu spielen. Er schlief teils \u00fcber der Vorbereitung seiner Strategien ein und hockte mit geschlossenen Augen vor uns. Wir mussten ihn etliche Male wieder aufwecken, damit er das Spiel zu Ende brachte. Und da<br \/>\nnn kam trotzdem immer die Frage, &#8220;Spielen wir noch eins?&#8221; Oscar war einzigartig.<\/p>\n<p>Bradwell, ein 41j\u00e4hriger Amerikaner, der bereits seit sechs Monaten in Mexiko Stadt als Englischlehrer t\u00e4tig war, kontaktierte uns \u00fcber www.CouchSurfing.com, da er uns in der N\u00e4he ersp\u00e4ht hatte. Wir trafen uns im Stadtzentrum in einem Hostelcafe, wo wir ganze drei Stunden mit Reden verbrachten. Bradwell hatte in den USA alles aufgegeben, sein altes Dasein hinter sich gelassen und war bestrebt, sein Leben mit den geringsten Mitteln zu gestalten. Brad hatte sich f\u00fcr das Leben eines Vagabunden entschieden und bezeichnete sich gern als &#8220;Hardcore Traveller&#8221; (harter Kern der Reisenden) Er war ein richtiger Pfennigfuchser, tat dies aber, um zu beweisen, wie wenig ein Mensch wirklich zum \u00dcberleben ben\u00f6tigte. Er praktizierte also tagt\u00e4glich eine Art &#8220;Survival&#8221;, auf deutsch auch \u00dcberlebenstraining. Anfangs in Mexiko Stadt kam er bei einem Mitglied von einem der beiden Hospitality Vereine unter. Da er mittlerweile Arbeit gefunden hatte, z\u00f6gerte er seinen Aufenthalt immer weiter hinaus, bis der Gastgeber ihn einfach nicht mehr kostenlos beherbergen konnte. Er verbrachte daraufhin n\u00e4chtelang mit Obdachlosen auf Parkb\u00e4nken. Mit viel Geschick schaffte er es seinen Chef zu \u00fcberreden, ihm im B\u00fcro auf dem Fu\u00dfboden schlafen zu lassen, was er zum Zeitpunkt unseres Treffens bereits seit Monaten tat. Und das ohne Matraze, Kopfkissen oder Decke. Essen gab es bei Bradwell dann, wenn er kostenlos an Speisen herankam. Bot sich daf\u00fcr keine M\u00f6glichkeit, lebte er von bis zu f\u00fcnf Br\u00f6tchen und ein bis zwei \u00c4pfeln t\u00e4glich. Nachdem wir das erfuhren, verstanden wir seinen halbverhungerten Zustand. Ob er denn dabei nicht vom Fleische falle und unter Energietiefpunkten litt, wollten wir wissen. Bradwell brauchte auf diese Weise mehr Schlaf, aber ansonsten kam er gut damit klar. Da er sich so sparsam durch die Welt bewegte und nur vor\u00fcbergehend ein wenig Geld verdiente, damit er seinen Flug nach Afrika finanzieren konnte, interessierte ihn brennend, wie das mit dem Trampen funktionierte. Wir gaben ihm viele Tipps, wie er sich erfolgreich fortbewegen konnte und einige Zeit sp\u00e4ter probierte er es tats\u00e4chlich aus. Mittlerweile reist er auf diese Weise durch Afrika. Wir fanden es beachtlich, welchen Strapazen sich Bradwell hingab, um von so wenig Geld wie m\u00f6glich zu leben. Auch wir hatten ein wirklich schmales Budget, aber so weit mussten und wollten wir nun wirklich nicht gehen. Vor allem fanden wir es eigenartig sich absichtlich in eine Hungersituation zu begeben und darauf angewiesen zu sein, dass Fremde einen durchf\u00fcttern. Denn wenn Bradwell etwas angeboten bekam, st\u00fcrzte er es gierig hinunter. Er hatte wohl bei dieser Lebensweise st\u00e4ndig Hunger.<\/p>\n<p>F\u00fcr den sp\u00e4ten Abend lud uns Bradwell zum &#8220;Casa de los Amigos&#8221; (Haus der Freunde) f\u00fcr eine Gespr\u00e4chsrunde ein. Das war ein Treffpunkt, der am kommenden Wochenende sein 50j\u00e4hriges Bestehen feierte. Das &#8220;Casa de los Amigos&#8221; war damals von Quakers (hier vielleicht ein Link bzw. eine Fu\u00dfnote mit Erkl\u00e4rung wer Quakers sind) gegr\u00fcndet wurden. Das Haus sollte ein Anlaufpunkt f\u00fcr die gegenseitige, menschliche Hilfe sein und f\u00fcr internationale Begegnungen zur Verf\u00fcgung stehen. Das &#8220;Casa&#8221; hatte viele Anh\u00e4nger, vor allem die, die in den vergangenen f\u00fcnfzig Jahren Erfahrungen mit der Einrichtung gemacht hatten. Um dorthin zu gelangen mussten wir quer durch das pr\u00e4chtige, historische Zentrum von Mexiko Stadt laufen. Wir liefen selbstverst\u00e4ndlich, einmal, weil wir dies selbst bevorzugten, zum anderen, weil Bradwell eh nicht mit der U-Bahn fahren w\u00fcrde, um Geld zu sparen. In den 45 Minuten Fu\u00dfweg liefen wir durch leichten Regen, entlang von pr\u00e4chtigen Altbauten, die schon beim puren Anblick ihre Geschichte preisgaben. Wir durchquerten dabei auch einen langgestreckten Park, der viele Statuen offenbarte und einem das Gef\u00fchl gab, nicht mehr in der Stadt zu sein. Dort hatte sich auch eine Gruppe von Menschen zum Hungerstreik vereint, der bereits drei Tage dauerte. Den Zweck dieser Aktion weiss ich nicht mehr. <\/p>\n<p>Im Casa angekommen, fanden sich fast alle St\u00fchle im Gespr\u00e4chszirkel besetzt. Die Sitzung stand kurz vor dem Beginn, so dass wir uns noch schnell einen Tee nahmen und von den bereitgestellten Keksen naschten. Bradwell hatte sich schon die ganze Woche auf die Kekse gefreut, dass konnten wir ihm richtig ansehen. Die Anzahl der Teilnehmer \u00fcberstieg den w\u00f6chentlichen Durchschnitt um mehr als das Doppelte, wenn nicht gar Dreifache. Da die F\u00fcnfzig-Jahr-Feier bevorstand, waren viele ehemalige Casa-Nutzer aus verschiedenen Ecken der Welt, vor allem aus den USA, eingeflogen. Einige Anwesende lebten momentan im Casa, andere waren aktiv in die Organisation des Casa eingebunden und neben den Besuchern tauchten auch viele Mexikaner und in Mexiko Stadt lebende Ausl\u00e4nder auf. Dabei kam eine tolle internationale Mischung heraus. Zu Beginn des Gespr\u00e4chszirkels wurden ein paar feierliche Worte ge\u00e4u\u00dfert und dann wurden die Teilnehmer in sechs kleine Gruppen aufgeteilt. Das Thema war &#8220;Meine Erfahrungen mit dem Casa&#8221;. Dazu konnte ich schlecht etwas sagen, als ich aber an der Reihe war, erz\u00e4hlte ich halt stattdessen von unserer Reise. Das erregte viel Interesse und das nicht nur in meiner, sondern auch in Augustas Gruppe. Es war sch\u00f6n, den vielen Erlebnissen der Teilnehmer mit dem Casa zu lauschen. Am Ende wurde einige Geschichten in der gesamten Teilnehmerrunde noch einmal in Kurzform vorgetragen. <\/p>\n<p>Dann folgte die M\u00f6glichkeit, mit einigen Anwesenden tiefergehende Gespr\u00e4che zu f\u00fchren. Eine Dame hatte von meinem Traum geh\u00f6rt, gerne von Alaska nach Russland zu reisen. Sie best\u00e4tigte mir, dass es m\u00f6glich w\u00e4re, denn sie w\u00fcsste von Einheimischen in Alaska, die regelm\u00e4\u00dfig mit ihren Privatbooten nach Russland \u00fcbersetzten. Viele Menschen in Alaska hatten n\u00e4mlich Verwandte auf der russischen Seite. Ich jauchzte bei dieser Information regelrecht auf, denn die alte Dame war die erste Person, die mich mit brauchbaren Tipps f\u00fcr mein Vorhaben versorgte und aufmunterte, diesen Weg wirklich einzuschlagen. Wir tauschten unsere Adressdaten aus und hoffen, sie bei unserem Besuch in den USA wiederzusehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach diesem herrlichen, aktionsgef\u00fcllten Tag in Puebla, wollten wir morgens erst gar nicht aus unseren Betten kriechen. Wir f\u00fchlten uns hier so wohl&#8230; Wir schleppten uns aber doch irgendwie unter die eiskalte Dusche, die uns die Faulheit mit einem Ruck austrieb. 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