Schwarzmarkt fuer den Geldumtausch (Mai 31 – Juni 6)

Juni 19, 2007  
Themen: Venezuela

pollution leaves its marks on the window sill

pollution leaves its marks on the window sill

Am Anfang unseres Aufenthaltes in Venezuela fuehlten wir uns etwas unbehaglich. Bei unserer Ankunft am Flughafen wurden wir mit Angeboten zum Geldtausch und Taxiservice regelrecht ueberrannt. Wir lehnten jegliches Annaeherung kategorisch ab, was letztlich unguenstig war, da wir ganze 50 Euro zur offiziellen Rate von 1 € = 2700 Bolivar tauschten. Erst spaeter, als wir bereits bei unserem www.HospitalityClub.org Gastgeber Pierre-Charles waren, erfuhren wir, dass die inoffizielle Rate (Tausch auf dem Schwarzmarkt) bei 1 € = 4000 Bolivar liegt. Woher sollten wir das wissen? Fuers naechste Mal waren wir jetzt um so schlauer.

Touristen werden hier in Venezuela wahrlich zur Kasse gebeten. Wer am Flughafen in ein Taxi steigt, der muss mit Kosten um die 25 Euro rechnen. Zudem muss man gewahr sein, dass nur die schwarzen Taxis von der Regierung sind und man den unzaehligen anderen Taxifahrern nicht ueber den Weg trauen kann. Wir nahmen selbstverstaendlich den Bus, der uns pro Person knapp 5 Euro (13000 Bolivar) kostete. Am Ende verrechnete sich der Busfahrer beim Abkassieren und wir kamen mit 3 Euro (16000 Bolivar) pro Person davon. Witzig war, dass insgesamt 3 Personen daran beteiligt waren, uns vom Flughafen nach Caracas zu befoerdern. Der Erste warb uns fuer die Busfahrt an und liess uns einsteigen. Ein Zweiter kassierte das Fahrgeld und der Dritte war letztlich der Fahrer. Verstehen muss man das zum Glueck nicht.

Unser Gastgeber Pierre-Charles (Franzose) ist fuer 1 Jahr Auslandsstudium nach Venezuela gekommen. Er lebt zusammen mit einem Deutschen, einer Franzoesin und einer Venezolanerin. Die 4er WG zeugt von einer kreativen Atmosphaere. Zwei studieren Architektur, einer Wirtschaftsingenieurwesen (liebaeugelt allerdings mit Architektur und gestaltet des nachts gern Graffiti) und eine angehende Psychologin. Ein toller Mix. Alle verstehen sich praechtig. Da jeder einen Partner hatte, zaehlte die WG gewoehnlich acht Bewohner. Dazugezaehlt die Freunde, die gerne zum Essen oder auf einen Schwatz vorbeikamen und voll war die Wohnung. Auch wir fanden unseren Platz und zwar auf einer Matratze auf dem Balkon. Wir genossen das Beisammensein in Pierre-Charles WG so sehr, dass wir am Ende viel laenger als gedacht blieben.

Es galt sich erst einmal von den vielen Zeitwechseln zu erholen. Zuerst 8 Stunden nach vorn gehuepft, hat sich die Uhr bei uns nur drei Wochen spaeter um 6 Stunden zurueckgedreht. Waehrend unseres Ueberraschungsbesuches in Europa haben wir kaum geschlafen, so dass es auch dies nachzuholen galt.

Mehr als schlafen, essen und ein wenig herumspazieren passierte die ersten Tage nicht viel in Caracas. Einen Tag verbrachten wir mit Ivan, einem venezuelanischen Freund von Pierre-Charles. Er lud uns zum Essen in seine Wohnung ein. Um dort zu landen galt es mit der U-Bahn einige Haltestellen zu fahren. Wir stiegen in einen der Barrios aus, in denen man sich als Auslaender sonst moeglichst nicht aufhalten sollte. Jedenfalls nicht allein. Zusammen mit
Ivan war das kein so grosses Problem. Einmal, da war Ivan etwas weiter vorausgegangen, bedraengte uns ein betrunkener Obdachloser. Er war so aufdringlich, dass wir ihn nicht einfach ignorieren konnten. Ivan sah die Situation und machte eine Bemerkung, die den Obdachlosen zurueckschreiten liess. Gut, dass wir in Begleitung dort waren. Wir kauften Obst und Gemuese sowie ein paar Spaghetti ein und gingen dann zu Fuss ueber eine Art Autobahnbruecke. Ivan lebte auf der anderen Seite in einem Hochhaus mit unzaehligen Stockwerken. Auf jener Seite der Bruecke sah die Situation voellig anders aus. Um zum Parkplatz zu gelangen, musste man an einem Wachmann vorbei. Als wir das Gebaeude betreten wollten, argwoehnte uns eine Wachdame, die aber zu Laecheln anfing, als Ivan uns als Freunde vorstellte. Um ins Haus zu gelangen, musste Ivan einen speziellen Schluessel, der wie ein silberfarbener Magnet aussah, auf ein dazu passendes Feld legen, damit die Tuer aufsprang. Das gleiche beim Fahrstuhl. Um den Fahrstuhl zu rufen, galt es den Schluessel einzustecken. Wollte man sich mit eben diesem Fahrstuhl nach oben bewegen, galt es erst den Schluessel in das vorgesehene Feld zu stecken und dann konnte man das Stockwerk waehlen. Waehlte man aus Versehen ein falsches Stockwerk, musste der Schluessel wieder reingesteckt werden, damit man das richtige auswaehlen konnte. Vor der Wohnungstuer gab es ein Gitter, wozu es einen normalen Schluessel gab. Nach Oeffnen des Gitters musste nun auch die Wohnungstuer aufgeschlossen werden und drin waren wir. Ein

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Sicherheitssystem erster Klasse.

Von Ivan’s Wohnung aus hatten wir einen “tollen” Blick ueber das Barrio, durch das wir gelaufen waren. Selbst von oben war die Armut dieser Gegend deutlich sichtbar. Die vereinzelten, riesigen Werbetafeln waren eindeutig fehl am Platz.

Da wir bei unserer Ankunft in Venezuela zu einer sehr unguenstigen Rate Geld getauscht hatten, war das Leben die ersten Tage fuer uns sehr teuer. Die 50 Euro waren innerhalb weniger Tage aufgebraucht. Wir mussten also wohl oder uebel unser Geld auf dem Schwarzmarkt tauschen. Offiziell ist das allerdings verboten. Wir hatten gehoert, dass die Polizei, im Falle sie erwischt einen beim Geldtausch, mit Geldstrafen oder gar mit Haft droht.

Von Pierre-Charles erfuhren wir, welches Cafe am Boulevard Dollars und Euro in Bolivar umtauscht. Am Tag zuvor waren wir bereits mit Ivan an dem Cafe vorbeigeschlendert. Einer der Kellner rief, “Cafe, Tee, Kuchen…”, der andere fuehrte das Angebot mit gedaempfteren Worten wie, “Euros, Dollars…” weiter. Wir grinsten bei diesen Ausrufen. Ivan versuchte einen guten Preis fuer uns auszuhandeln, kam aber nur bis 3600 Bolivar pro Dollar. Das war seiner Meinung nach zu niedrig, so dass er uns bis ins Zentrum Caracas (was nicht der Boulevard ist) brachte und dort anfing um eine gute Rate zu feilschen. Leider wollte keiner ueber 3500 Bolivar hinaus bieten. Der Grund: es war Wochenende und sie koennten das Geld nicht gleich wieder eintauschen. Da der Kurs stetig steigt und faellt bestand fuer sie ein gewisses Verlustrisiko, wuerden sie zu viel bieten. Sie schlugen uns Montag als Tauschtag vor. Den nutzten wir dann zum Umtausch, allerdings bevorzugten wir das von Pierre-Charles empfohlene Cafe dafuer. Die Rate lag um die 4100 Bolivar fuer 1 Dollar. Wir gingen auf die Kellner zu und wollten 100 Dollar tauschen. Nach einigem Gebahren, in denen sie uns verschiedene Geschichten fuer die geringe Rate aufzutischen versuchten, einigten wir uns auf 3600 Bolivar je Dollar, einfach um es endlich hinter uns zu bringen. Zum Umtausch bat uns der Kellner an einem Tisch Platz zu nehmen und zwar mitten auf dem Boulevard! Gut, es standen noch viele Tische um uns herum, aber offensichtlicher ging es wohl kaum. Der Kellner verschwand und kam bald darauf mit 360000 Bolivar zurueck. Er drueckte sie uns in die Hand und nachdem wir durchgezaehlt hatten, reichten wir ihm die 100 Dollar. Wir versteckten das Geld, standen wieder auf und marschierten schnurstracks nach Hause. Diesen Rat hatte uns Pierre-Charles gegeben, denn es passiert laut Hoeren-Sagen des Oefteren, dass man nach dem Tausch von einem Kumpanen verfolgt wird und der das Geld mit Gewalt wieder abnimmt. Puh, das war geschafft.

Augustas hatte Maria, eine venezuelanische Litauerin, kontaktiert, da sie das Oberhaupt der litauischen Gemeinschaft Venezuelas ist. Wir waren beide neugierig sie zu kennenzulernen und trafen sie, begleitet von Rimas, in einem Cafe. Die drei unterhielten sich sofort in litauisch und ich erfreute mich am Klang dieser wunderbaren Sprache. Viel Mitreden konnte ich nicht und da Maria wohl verstanden hatte, dass ich kein Spanisch spreche, redete sie mit mir in Englisch. Bei einem zweiten Treffen klaerte sich das allerdings auf und wir plapperten froehlich in spanisch-litauisch miteinander.

Maria und Rimas nahmen uns hoch erfreut in ihre Runde auf. Rimas lud uns zu seiner Posada de Arquimedes in Punta Arena, im Staat Sucre, ein, die wir sofort annahmen. Die beiden luden uns auch zu einem Treffen von Litauern ein, dass am 24./25. Juni in der Kleinstadt La Colonia Tovar, ein deutsches Dorf, stattfinden wuerde. Ja, da schlugen wir ja gleich viele Fliegen mit einer Klappe! Ein litauisch-deutsches Paaerchen, was zu einem Treffen von venezuelanischen Litauern in einem deutschen Dorf in Venezuela eingeladen wurde. Was fuer eine Konstellation!

Kommentare

  1. Falcon sagt:

    Hallo Zusammen!

    Die abenteurliche Komponente am Geld wechseln in Venezuela kann ich nur bestaetigen. Hier einige Tipps, die ich und wohl auch der Verfasser des Artikels gern gewusst haetten vor Ankunft in Venezuela:

    – Hier in Venezuela ist die Verhandlungsbasis fuer den Wechselkurs auf folgender Website ersichtlich: http://bonosvenezuela.blogspot.com/
    Hier sind die Kurse fuer Euro, Dollar und sogar kolumbianische Pesos ersichtlich. Im Moment ist der Wechselkurs ausserst gut (6.4 Bolivares Fuerte pro Dollar).

    Wie ich gehoert habe, gibt es verdeckte (und sogar offizielle) Wechselbueros, die ziemlich genau den Wechselkurs der Website anbieten. Ich konnte mit Freunden von Freunden tauschen, Venezuelaner die Dollars in Bar kauften oder mir nach Banktransfer auf ihr auslaendisches Konto Bolivares gegeben haben.
    Falls man niemand kennt: Den besten Wechselkurs habe ich am Flughafen Caracas erhalten, wo einen Haendler ansprechen (5 BsF pro Dollar). Einen nicht sehr guten Kurs (3 BsF fuer einen Dollar) habe ich erhalten, als ich in der Stadt dringend Geld wechseln musste und mit einem Taxifahrer geschaeftet habe.

    Das waren meine Erfahrungen. Geld auf dem Schwarzmarkt zu tauschen ist zwar mit einem Risiko verbunden (Raub), aber der Aufenthalt ist deutlich guenstiger. Mit dem offiziellen Kurs ist Venezuela genau so teuer wie Europa, bzw. teilweise sogar teurer.